15.07.2019

Briefe



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ID: 19839 Brieftext


Geschrieben am: Montag 22.07.1872
 

Verehrte Freundin!
Eben schreibt mir Perfall, daß Sie auf Rigi-Scheideck seien; Frau von Poetz schreibt, daß in Aeschi zwei Zimmer für Sie reservirt seien; vor acht Tagen meldete Allgeyer, Sie seien nach St. Moritz abgereist. Haben Sie sich denn vervielfältigt? In Moritz liegt ein langer Brief von mir; ich habe heute das Postbureau ersucht, ihn nach Scheideck zu senden. Es ist zwar nicht viel an ihm verloren, aber ich möchte doch gerne auf manche Fragen Antwort haben, hauptsächlich: wie es mit Ihrer Gesundheit steht. Bitte schreiben Sie mir bald ein paar Zeilen hierher; ich bleibe noch mindestens 14 Tage bis 3 Wochen. Meine Kur hier ist in sehr unangenehmer Weise durch die vor 8 Tagen von einer Nürnberger Zeitung gebrachte Mittheilung unterbrochen worden: Perfall sei zum Oberstceremonien-Meister, Bülow! zum General-Intendanten ernannt worden. Meinen Schrecken können Sie sich denken! Ich telegraphirte sofort an Perfall, erhielt aber erst gestern seine Antwort: daß ihm Nichts bekannt sei, daß ihm die Nachricht unbegründet scheine. Daß mit Bülow etwas vorgeht, ist mir kein Zweifel; er setzt sich nicht umsonst im heißen Sommer drei Monate nach München. Daß er meine Stellung hat haben wollen, ist allbekannt; er selbst macht daraus kein Hehl. Die Tristan-Aufführung war nur zu diesem Zweck in Scene gesetzt. Perfalls Telegramm beruhigt mich nicht vollständig; ich fürchte, es kommt doch noch dazu. Dann giebt es natürlich einen Kampf auf Leben und Tod, in dem ich aller Wahrscheinlichkeit nach unterliegen werde. Ich fürchte, Sie hatten Recht, da Sie sich mit meinem Avancement nicht freuen wollten – Wenn’s dem Esel zu wohl ist, geht er auf’s Eis. Ich werde mich noch einmal nach den Fleischtöpfen Carlsruhe’s zurücksehnen. Aber das ist nun einmal geschehen, und nun heißt es Aushalten und den Kopf in der Höhe halten –
Alles Uebrige steht in dem Moritzer Brief. – Rosette schrieb mir ganz gerührt über die beiden Manuskripte –
Herzlich grüssend Ihr
treu ergebener
Hermann Levi.

Alexanderbad bei Wunsiedel im Fichtelgebirge.

22.7.72.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 611f.
 



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