15.07.2019

Briefe



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ID: 19841 Brieftext


Geschrieben am: 05.11.1872
 

Liebe Freundin!
Das sind ja betrübende Nachrichten! Und in solcher Stimmung eine künstlerische Wintercampagne beginnen zu sollen, wozu man doch vor Allem freien Kopf und heiteren Sinn braucht! – Leider war ich auf die Frau Julie betreffenden Nachrichten nicht ganz unvorbereitet; konnte ich sie doch letzthin in Baden kaum ohne Wehmuth ansehen und nur die Erinnerung an ihren aeusserlich noch bedenklicheren Zustand vor vielen Jahren bei Frau Feidel, der eben doch wieder gehoben wurde, ließ mich auch für ihre jetzige Widerherstellung wieder Hoffnung fassen. Ich habe bei meiner Schwester erfahren, was es heisst, um ein Leben in Sorge zu sein, aber ebensowohl habe ich gelernt, nicht zu verzagen! Und so hoffe ich auch für Sie von ganzem Herzen, daß sich alles zum Guten wenden möchte. Ihnen möchte man jedes Steinchen aus Ihrem Lebensweg wegräumen, und statt dessen stemmen sich ihm fortwährend die unübersteiglichsten Hindernisse entgegen! – Ich habe mit Allgeyer hin und her gesonnen, was mit Felix passirt sein könnte: Aufgeben der Juristerei? Leichtsinnige Studentenstreiche? Hoffentlich doch nichts Ernsteres! Wie hätte ich mich sonst gefreut, Sie hier zu begrüssen, und nun bangt mir fast vor Ihrer umwölkten Stirn. Könnte ich doch etwas thun, sie zu glätten! Und gerade jetzt möchte ich jedem Menschenkinde, das ich lieb habe, ein klein wenig von dem Glück abgeben können, was in der letzten Zeit in so unverdientem Maße mir zugeströmt ist! Sorgen Sie doch, daß Sie hier nicht so gar eilig sind! Können Sie es nicht einrichten, erst am 16ten oder 17ten in Wien zu sein? Was ist ein Tag, zumal wenn ich noch mit Frau Pacher theilen muß? – Von mir selbst will ich heute nicht reden; es ist mir, wie gesagt, unverdient gut gegangen. Auch mit meiner Gesundheit kann ich zufrieden sein. Die etwas scharfe, für nervöse Menschen zuträgliche Luft hat den letzten Rest der Neapolitanischen Krankheit verscheucht. – Allgeyer, der noch bei mir wohnt, sendet viele, viele Grüsse. – Ob ich Ihnen am 15ten etwas Schönes werde vorspielen lassen können, weiß ich noch nicht. Wir hatten den „schwarzen Domino“ projectirt, vielleicht lässt sich aber ein Mozart dafür einsetzen. – Auf herzliches Wiedersehen, und hoffentlich nicht für so kurze Zeit. Geben Sie Frl. Marie einen herzhaften Händedruck von mir!
Immerdar in inniger Freundschaft und Verehrung
Ihr
Hermann Levi.

München 5.11.72

Auch an Frl. Leser und Frl. Junge meine Empfehlung! – – – – – –

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 616f.
 



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