15.07.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19842 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 01.04.1873
 

Verehrte Freundin!
Da ich sobald als möglich Genoveva in Angriff nehmen möchte, bitte ich Sie, mir recht bald die Bedingungen mitzutheilen, unter welchen Sie uns das Aufführungsrecht zu überlassen geneigt sind. Wären Sie vielleicht mit der Summe von 400 Gulden, und 5 (oder 10) Prozent der jedesmaligen Einnahme einverstanden? Wegen der Partitur wende ich mich wohl am besten an Peters? –
Auf obigen geschäftlichen Theil dieses Briefes hoffe ich auf umgehende Antwort, auf den folgenden nicht-geschäftlichen verdiene ich keine. Je älter ich werde, desto schwerer wird es mir, mich an den Schreibtisch zu setzen, und ich werde wohl mit dieser meiner Schwäche zu Grabe gehen – wieviel ich auch dadurch entbehre. Frl. List hat mir Einiges aus Ihrem Briefe mitgetheilt. Gegen Ihre Entscheidung für Berlin lässt sich Nichts einwenden; hauptsächlich Felix’ wegen, der nach Allem was ich so über ihn höre und aus früheren Zeiten von Ihnen weiß, Ihrer unmittelbaren Fürsorge noch sehr zu bedürfen scheint. Von ganzem Herzen hoffe ich dabei, daß Sie sich in Ferdinand’s neuer Häuslichkeit wohl fühlen mögen. Der Junge hat bisher so sicher seinen Weg durch’s Leben gefunden, daß er bei dem entscheidendsten Schritte gewiß auch richtig gewählt hat, und wenn es nach dem Durchschnittsmaßstab des Alters für eine Ehe auch noch etwas früh ist, so ist er dafür auch anders angelegt und für eine ruhige Häuslichkeit disponirter, als Andere.
Aber daß Sie Baden ganz verlassen wollen, will mir trotz Ihrer Gründe nicht recht einleuchten. Ich glaube, wenn Sie erst einmal einen Juni in Berlin zugebracht haben, werden Sie die Nothwendigkeit eines ständigen Sommeraufenthaltes auf dem Lande wohl empfinden, und für diesen Zweck mögen Sie doch – Eins in’s Andere gerechnet, schwerlich einen passenderen Ort finden. Die Geldfrage kann kaum in Betracht kommen, denn ein paar Sommermonate in einem Gasthofe kosten reichlich so viel, als eine ganze Saison im eigenen Hause – wenigstens soweit es mein in Haushaltungsangelegenheiten beschränkter Unterthanenverstand einsehen kann. Winter in Berlin, Sommer (mit Ausnahme von 6 Wochen für St. Moritz, oder Aehnliches)in Baden – das scheint mir das Richtige für die Zukunft. Künstlerisch werden Sie – trotz Joachim – in Berlin Mancherlei entbehren. Die Atmosphäre ist einmal nicht musikalisch angelegt. Der Süden mag in allen Beziehungen dem Norden zurückstehen, aber nicht in künstlerischen. Ich glaube, daß der dümmste Münchener Philister einen richtigeren Instinct und mehr Empfänglichkeit für das Schöne besitzt, als der gescheiteste Berliner Geheimrath, von den gescheiten Geheimräthinnen, deren ich schon einige Exemplare habe kennen gelernt, gar nicht zu reden. Und auf den Instinct kommt es doch eigentlich an, nicht auf das, was man sich im Schweisse seines Angesichtes erarbeitet – wenigstens in der Kunst. Ich erstaune mich immer mehr, wie richtig unser Publikum, das wahrlich in geistiger Beziehung weit hinter dem Norden zurücksteht über Musik und bildende Kunst urtheilt, und wie warm sie sich äussern, wenn ihnen Etwas gefällt. Aber sie müssen es mit dem Herzen capiren können – an ihren Verstand, an ihre Bildung darf man nicht appeliren. – Von mir ist eigentlich nicht viel zu sagen. Wenn der liebe Gott meine Monologe belauscht, so mag er sich freuen, daß es einem Menschenkinde einmal so recht herzhaft gut geht, daß er nicht immer Klagen und Wünsche zu hören bekommt. Ich bin nicht optimistisch genug, um anzunehmen, daß Alles so rosenfarben bleibt; es könnte Vieles schlechter sein, und es bliebe doch immer noch des Guten genug, um sich daran zu erfreuen. Wenn Sie zu der Genoveva im Herbste hierherkommen, sollen Sie sich selbst überzeugen, welch ein Glückstölpel ich bin. – Wir können die Oper schön besetzen Vogl Golo. Margaretha Frau Vogl (oder Frl. Stehle – ich bin noch nicht entschieden) Genoveva Frl. Radecke, letztere der Schilderung nach (ich kenne sie nicht, sie tritt erst im Juni ein) eine ganz bedeutende Sängerin und Darstellerin. An Chor und Orchester sollen Sie Ihre Freude haben. – Vorige Woche war ich wieder in Carlsruhe, das künstlerisch leider ganz heruntergekommen ist. Zenger, mein Nachfolger, hat sich nicht bewährt, jetzt hat man einen gewissen Ruczek aus Düsseldorf engagirt. Meine Schwester macht mir wieder neuerdings Sorge. Das Frühjahr lässt sich nicht gut an, doch ist kein Grund zu unmittelbarer Besorgniß. Meiner Freundin geht es (in Italien) viel besser; ich stehe in herzlichem, heiteren, wenn auch nicht häufigem Briefwechsel mit ihr. Frau v. Pacher sehe ich nur selten; ich überwinde nur schwer eine gewisse Antipathie gegen sie, doch will ich mir Mühe geben. Mit Frl. List dagegen würde ich sehr gerne verkehren; das ist eine treue, brave Seele. – Herzlichen Gruß an Frl. Marie und viele Empfehlungen an Frl. Leser – ich setze voraus, daß Sie in diesen Ostertagen zurückkommen. H. Allgeyer fühlt sich gleich mir sehr wohl – auch in seinem Geschäfte. Von Brahms hatte ich oft Nachrichten. Mit dem „Saul“ hatte er einen großen Erfolg. Hier müssen die Leute erst allmählich auf die Höhe gebracht werden, einstweilen lehnen Sie [sic] Brahms noch ab. Ich gehe recht vorsichtig, aber sicher vor. – Die Zukunfts-Musiker mucksen sich nicht. Ueberhaupt herrscht überall Ruhe und Frieden und Harmonie, und ich denke, das soll noch eine Weile so bleiben. Leben Sie wohl.
Mit herzlichem Grusse
Ihr getreuer
Hermann Levi.

München 1.4.73.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 620-623
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.