15.07.2019

Briefe



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ID: 19846 Brieftext


Geschrieben am: 05.09.1873
 

Liebe Freundin!
Ich habe auf Ihren vorletzten Brief umgehend geantwortet; die Briefe haben sich wohl gekreuzt. – Das Honorar von 250 Th. für Wiesbaden finde ich nicht zu hoch, zumal Sie die Partitur noch liefern. Zu meiner Zeit war in Carlsruhe ein Honorar von 250 fl. bis 400 fl. üblich. Wiesbaden mag wohl in gleichem Range stehen. – Auch Wien macht Anstalten, freilich sehr sonderbare. Vor einigen Tagen war in allen Zeitungen offiziell zu lesen, daß die Direction des Operntheaters Genoveva angenommen habe, und daß die Oper Ende October gegeben werden würde. Heute nun erhielt ein Sekretair unsers Theaters von meinem Collegen in Wien eine vertrauliche Anfrage: wann Genoveva hier gegeben würde, woher die Partitur zu beziehen sei, und welches Honorar wir gezahlt hätten. Auf letztere Frage haben wir natürlich keine Antwort. Wenn sich Herbeck an Sie wendet, so sein Sie nicht allzu bescheiden mit dem Honorar. Warum haben Sie sich eigentlich nicht der Gesellschaft angeschlossen? Es würde Ihnen viel Schreiberei erspart, und auch Ihr materieller Vortheil würde besser geachtet, als Sie selbst es thun können. Soll ich noch 1 oder 2 Partituren abschreiben lassen? Der Preis ist 60 Gulden. Der Kopist ist ganz vortrefflich, und hat jetzt auch Zeit. –
Mit der Cholera ist es durchaus nicht gefährlich. Wenn im Geringsten Grund zur Besorgniß wäre, würde ich der Erste sein, der Ihnen abriethe zu kommen. Von einem epidemischen Auftreten ist gar nicht die Rede. Ich bin in großer Eile, vor der Generalprobe von Catherina Cornaro. Brahms kommt heute Abend. Morgen spielen wir ihm seine 2 Quartette vor; ich habe sie gut mit den Leuten studirt. Ich glaube Brahms ist jetzt in einer Periode, wie Beethoven, als er seine Quartette Op 59 schrieb. Das sage ich aber so leise, dass es kaum zu Ihnen dringt –
Entschuldigen Sie das Geschmier mit großer Eile.
Herzlich grüssend
Getreulich
Ihr
Hermann Levi

München 5.9.73

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 636ff.
 



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