19.12.2019

Briefe



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ID: 19849 Brieftext


Geschrieben am: Montag 29.09.1873
 

Verehrte Freundin!
Das Recht, Textbücher zu drucken, steht unzweifelhaft Ihnen zu, doch habe ich, um etwaige spätere Auseinandersetzungen zu vermeiden, an Peters geschrieben. Wenn Sie von jedem Textbuche nur 6 Kreuzer haben, so macht das ein ganz hübsches Sümmchen aus, und ich würde Ihnen rathen, die Frage an den anderen Bühnen anzuregen. Aus den vielen Schreibereien, die Ihnen erwachsen, ersehen Sie, daß mein Rath, der Genossenschaft beizutreten, nicht so übel war. – Ich habe zwei Akte bereits nach Wiesbaden abgeschickt; die übrigen zwei werden in 8–10 Tagen nachfolgen. Daß die Wiener ihre Partitur schon am 20–21ten October in Händen haben sollten, ist ganz unmöglich. Ich kann nicht mehr als einen Schreiber beschäftigen, weil nur eine Vorlage da ist: unsre Partitur, die zudem jetzt während der Proben immer gebraucht wird. Etwas andres wäre es gewesen, wenn ich die zwei Akte für Wiesbaden einem zweiten Copisten zum Doubliren hätte geben können. Aber dort drängt man ja auch sehr! Vor Ende October, Anfang November kann die Partitur für Wien nicht fertig sein. – Was nun meine Aenderungen betrifft, so müssen sie noch die Feuerprobe der Aufführung bestanden haben; ehe ich sie Anderen mittheile. Auch müssen Sie erst Ihren feierlichen Consens gegeben haben. Das Richtige wäre eigentlich, daß jeder Kapellmeister dergleichen nach eigenem Ermessen, und nach den Kräften, die ihm zu Gebot stehen, selbst unternähme. Der Gedanke, daß ich eine maßgebende Version herstellen soll, ist mir einigermaßen unbehaglich; es lässt sich gegen das Princip des Aenderns und Kürzens gar viel einwenden; die Grenze ist so schwer zu finden. Aber wie gesagt, wenn die Aufführung stattgefunden, und Sie meine Aenderungen gebilligt haben, sollen sie die anderen Bühnen auch haben; aber früher kann und darf ich es nicht thun. Vogel’s haben vorgestern ihr jüngstes Kind verloren. Er soll sehr angegriffen sein, und es ist möglich, daß sich dadurch die Aufführung um wenige Tage hinausschiebt(etwa bis zum 16ten.) Warum schreiben Sie: „Manchmal wandeln mich Zweifel an, ob ich kommen soll.“? Das dürfen Sie mir nicht anthun, da wäre mir ja ein großer Theil meiner Freude benommen! Hoffentlich war das nur vorübergehende Verstimmung! – Frl. Stehle schwärmt für ihre Parthie und wird vortrefflich sein. Ebenso Vogl und Frl. Scheffzky (Margaretha). Nur mit Siegfried müssen Sie Nachsicht haben. Die Regie hat Brulliot, der die Oper auch in Carlsruhe in Scene gesetzt hat. – Nachträglich habe ich noch den stummen Angelo cassirt, der eigentlich gar Nichts zu tun hat; es fallen dadurch einige Takte des Siegfried im ersten Akte weg. Die Brahms’schen Zusätze (Schluss des Siegfried-Liedes etc) habe ich nicht aufgenommen, wohl aber habe ich aus dem Manuscripte [(]nach den von mir in Baden gemachten Notizen) Einiges wiederhergestellt. Sehr gerne hätte ich mir das Manuscript noch etwas genauer angesehen. Möchten Sie es vielleicht mit hierherbringen? – – –
Die Partitur des Concertstückes habe ich genau durchgesehen; mehr wie 6–8 Fehler habe ich nicht entdecken können. Aber ich habe Anlaß genommen, Härtel’s im Allgemeinen einige Ausstellungen, resp. Vorschläge zu unterbreiten. Ich kann mich nämlich in den Partituren der Klavierkonzerte nicht zurechtfinden; im letzten Satze des a-moll Concertes laufe ich immer Gefahr, dem Orchester falsche Zeichen zu geben. Dem wäre mit einer Kleinigkeit abzuhelfen, und ich hoffe, daß Härtel’s es einsehen werden. – Die Correctur ist bereits gestern wieder nach Leipzig abgegangen. –
Warum müssen Sie denn allein hierherreisen? Wohl, weil Frl. Marie und Eugenie die Berliner Wohnung in Ordnung bringen wollen? Also, wenn wir den Starnberger See besuchen wollen, ist ja Frl. Mariens Auge und Rath unentbehrlich! Wie wäre es, wenn die Damen mit hierherkommen, nach der Aufführung direct nach Berlin reisen, und wir dann auf 8–10 Tage zusammen zur Ausstellung nach – Wien reisten? Ich habe nämlich noch 8 Tage Urlaub im October anzusprechen – und die Ausstellung würde Sie gewiß doch auch interessiren – Das ist so eine Idee – ich bin nicht der schlechteste Reisegefährte, bin wenigstens immer guten Humor’s. Ueberlegen Sie sich die Sache . . . . . . .
Aber ich muß schließen. An meine Tante habe ich immer noch nicht geschrieben! O – das Briefschreiben! Sobald etwas Geschäftliches vorliegt, bin ich pünktlich, wie Figura zeigt, aber ausserdem . . . . . .
Mit herzlichem Grusse
immer Ihr
Hermann Levi.

München 29.9.73.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
644-647
 



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