19.12.2019

Briefe



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ID: 19852 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 18.10.1873
 

Verehrte Freundin.
Der Erfolg des Manfred hat unsre kühnsten Erwartungen übertroffen. Es war einer der schönsten Abende, die ich je am Theater erlebt. Von der Wirkung der Astarte-Scene lässt sich keine Beschreibung machen. Kein Auge blieb trocken. Das Haus war bis zum letzten Platz gefüllt. Bei der Ouverture,die wundervoll ging, Mäuschenstille und am Schlusse großer Applaus, der Geisterbannfluch mit Kindermann erschütternd schön; nach jedem Aktschlusse 2–3 maliger Hervorruf Possart’s; auch ich musste nach dem Schlusse auf die Bühne. Wer hätte das gedacht; ich glaubte, es würden nur einzelne gebildete, mit dem Werk bereits betraute Leute rechte Freude haben, das Publikum würde dem Werk fremd und kalt gegenüberstehen. Statt dessen war die Wirkung eine allgemeine, durchschlagende.
Aber wie haben wir uns auch geplagt! An der Ouverture habe ich im Ganzen 2 Stunden herumprobirt – und das will bei solchem Orchester viel sagen; schließlich war aber auch die höchste Freiheit im Vortrag erreicht. Die Proben mit den Schauspielern sind nicht zu zählen. Der Souffleurkasten war weggenommen und es stockte niemals auch nur einen Moment. Es wäre sehr schön, wenn Sie Herrn Possart (Titel: K. Hoftheater-Regisseur) ein Wort der Anerkennung schreiben wollten. Vielleicht auch Perfall, von dem die Idee der Aufführung eigentlich ausgegangen ist. Hätte das Schumann erleben können! Es ist doch die Krone seiner Schöpfungen. Das Astarte-Melodram habe ich mit Possart studirt, daß jedes Wort einen entsprechenden Ausdruck in der Musik fand; ich könnte den Rhythmus sehr gut in Noten bringen. Die Alpenfee-Musik habe ich vom Orchester allein spielen lassen; da machen sich die gesprochenen Worte nicht. Das letzte Requiem wirkte ungeheuer. Doch da lässt sich Nichts erzählen, das muß man hören. Es lohnt eine Reise von Amerika, geschweige von Baden oder Berlin. Sie müssen zur zweiten Aufführung hier sein. Hoffentlich können wir sie mit Genoveva verbinden; die Chancen für letztere sind wieder im Steigen. Montag früh reise ich nach Wien. Adresse dort Ludwig Ladenburg Opernring.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr treuergebener
Hermann Levi.

München 18.10.73.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
653ff.
 



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