15.07.2019

Briefe



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ID: 19853 Brieftext


Geschrieben am: Montag 17.11.1873
 

Verehrte Freundin!
Der Erfolg der Genoveva war bedeutender, als wir erwartet haben; die Oper wird sich sicher erhalten und sich immer mehr Freunde erwerben. Da man bei der ersten Aufführung keinen anderen Maßstab für Gefallen oder Nicht-Gefallen hat, als das Händeklatschen, so muß ich Ihnen doch die Anzahl der Hervorrufe melden: Nach dem ersten Akte zweimal, nach dem 2ten Akte zweimal, am Schlusse der Oper dreimal. Nur der dritte Akt ging ohne äusseres Beifallszeichen vorüber. Die Aufführung war mit Ausnahme des Siegfried, der wenn auch nicht störend, doch unbedeutend war, eine der schönsten und gelungensten, die ich je erlebt habe. Vogl eminent. Dergleichen giebt es heutzutage in Deutschland nicht wieder. Frl. Stehle im letzten Akte hochbedeutend, die Kreuz-Arie machte große Wirkung. In Orchester und Chor passirte auch nicht die kleinste Unebenheit. – Eine Zug-Oper im modernen Sinne wird das Werk nicht werden, nicht nur weil das Publikum heutzutage mehr Pfeffer gewohnt ist, sondern auch, weil das Textbuch gar zu große Schwächen hat. Die bedeutende musikalische Wirkung des zweiten Finales wird durch das höchst Bedenkliche der Situation beeinträchtigt; der Verlauf des 4ten Aktes nach der Arie der Genoveva ist sehr schwer zu einer dramatischen Wirkung zu bringen; auch der dritte Akt hat grosse dramatische Schwächen, aber dafür ist das Ohr immer dermaßen gefesselt, und die Musik macht in den meisten Fällen wieder gut, was der Dichter verfehlt hat. Durchaus schön und einheitlich wirkt der erste Akt. Ob man dem dritten Akte durch glänzende Ausstattung nachhelfen kann, weiß ich nicht. Herbeck sagt mir, daß er allerlei Hokuspokus loslassen werde; er fand unsre Ausstattung zu ärmlich und unwirksam. Aber ich muß gestehen, daß es mir in erster Linie auf die musikalische Wirkung ankam, und daß ich gerade diese Oper nicht mit modernem Dekorationspomp ausgestattet wünsche. Wer schauen will, mag in die Afrikanerin gehen, wer hören will, in Genoveva. Und Gott sei Dank giebt es noch Leute, die Musik im Leibe haben, und die werden es sein, die das Werk halten werden, nicht das gewöhnliche Theaterpublikum. Nächsten Donnerstag ist die zweite Aufführung, in 14 Tagen die dritte. Heute Abend Manfred für die auswärtigen Gäste Herbeck, Jahn, Stockhausen etc. – Meine Aenderungen haben sich wohl alle bewährt. In Wien und Wiesbaden werden sie die Oper genau so geben, wie hier. Jahn war ganz entzückt; er hofft in 3 Wochen fertig zu sein. Von Hannover habe ich Nichts gehört. Ich hatte Bronsart eingeladen, bekam aber keine Antwort. –
Verzeihen Sie, daß ich die Lieder noch nicht geschickt habe!
Aber wenn Sie wüssten, wie ich angespannt war, seit Sie weg sind. Es war faktisch nicht möglich! Morgen Dienstag, spätestens übermorgen werde ich sie nach Hamburg schicken! – – Wenn Sie doch Frl. Stehle noch als Genoveva hören könnten! Ist es denn gar nicht möglich, daß Sie noch einmal herkommen?
Stockhausen hat vorgestern Conzert gegeben, war wundervoll bei Stimme; am 13ten Dezember kommt er wieder. Das – spärlich versammelte – Publikum war sehr entzückt; ich hoffe, daß das zweite Conzert besuchter wird.
Nehmen Sie mit diesen eiligen Zeilen vorlieb – ich weiß wirklich nicht, wo mir der Kopf steht, so abgehetzt bin ich. Von morgen ab bleibe ich ein paar Tage zu Hause und schliesse mich hermetisch ab. – Viele Grüsse an Frl. Eugenie und Rheinthaler. Von Herzen grüsst Sie
Ihr getreuer
Hermann Levi.

München 17.11.73.

Härtels haben geantwortet, daß das Aufführungs-Recht Manfred’s nur Ihnen zustehe. Ich habe Jahn, der das Werk in Wiesbaden aufführen will, bereits aufmerksam gemacht, daß er sich vorher mit Ihnen abfinden müsse. – Peters-Abraham konnte nicht kommen.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 655ff.
 



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