23.11.2019

Briefe



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ID: 19856 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 25.12.1873
 

Liebe Freundin.
Ich sehe in der Annahme des Ihnen von Herbeck vorgelegten Contractes nicht das geringste Bedenken. Die Fassung des §1 ist aus den Ihnen von Herbeck angedeuteten Gründen nöthig, und bei anderen Hofbühnen gleichfalls gebräuchlich. Bedenken Sie, daß Sie es mit einem Kaiserlichen Institute zu thun haben, und daß die Möglichkeit, man könnte sich je hinter eine Lücke des Contractes flüchten, um den Componisten oder dessen Erben zu schädigen, geradezu ausgeschlossen ist. Es ist für derlei Institute nicht leicht, ein einmal eingeführtes und seit Jahren unbeanstandet durchgeführtes Contracts-Formular zu ändern. – Heben Sie nur für alle Fälle Herbecks Brief gut auf. – Dadurch daß ich mich auf der Kanzlei erkundigte, wie die Contracte hier lauten, habe ich erfahren, daß das hiesige Honorar Ihnen noch gar nicht zugegangen ist! Das ist sehr wenig geschäftsmäßig, und ich habe Perfall gleich interpellirt. Der lässt Sie nun bitten, nur noch wenige Tage – bis Anfang Januar – Geduld zu haben. Die Einnahmen in diesem Jahr waren so schlecht, daß er möglichst viel Rechnungen erst mit 1874 tilgen möchte, um diesmal das Defizit nicht gar zu groß erscheinen zu lassen. – Wenn Sie es nicht noch besonders anders bestimmen, so wird Ihnen Perfall 600 fl. als Honorar ein für allemal zusenden; er meint, es sei günstiger für Sie, als Tantièmen. Auch Manfred soll nicht vergessen sein, wenn erst wieder bessere Zeiten kommen; jetzt werden durch die Einnahmen lange nicht die Tageskosten gedeckt.
Brahms hat den Maximilians-Orden für Kunst und Wissenschaft erhalten. Es ist das neben dem „pour le Mérite“ der Schönste in Deutschland, weil er nicht von dem Könige, sondern von einem Kapitel verliehen wird. Der König hat nur zu bestätigen. Auch Richard Wagner hat ihn jetzt bekommen. Zwei Würdigere wären wohl nicht zu finden gewesen. – Jetzt wissen Sie auch, warum ich damals Biographisches über Brahms haben wollte. –
Daß Ihre Armschmerzen Ihnen immer zu schaffen machen, thut mir herzlich leid. Ist doch Ihr Haus gut ausgetrocknet? Und wie ist die Einrichtung ausgefallen? Ist es recht behaglich? Und wie lässt sich das Leben, die Beziehungen an? Hat Alles den Anschein der Dauer? Und fühlt sich Felix wohl? – Hätte ich mich doch gestern am Bescheerungs-Abend eine Stunde zu Ihnen hin zaubern können! Es war mir recht einsam um’s Herz. Mein schöner Wirkungskreis muß mich hier für Manches entschädigen, was ich durch Carlsruhe verloren; einen Freundeskreis, wie dort, habe ich hier noch nicht gefunden. Aber das mag wohl an den vorrückenden Jahren liegen; ich schliesse mich nicht mehr so leicht an. Dafür aber halte ich die alten Freunde um so höher. – In der Sylvesternacht denken Sie ein wenig zu mir herüber! – – –
Den Namen der Schülerin, die Sie wieder zu sich genommen haben, konnte ich nicht lesen, noch auch habe ich eine Ahnung von dem Grund Ihrer Verstimmung. Sie werden in Berlin vielleicht noch manche Täuschung erleben. In einer so großen Stadt gehen die Menschen rücksichtslos, egoistisch ihren Weg; Jeder stellt sich auf sich selbst und kümmert sich nicht viel darum, ob er seinem Nebenmann dabei auf den Fuß tritt; der soll sich’s nur nicht gefallen lassen. Sie aber, die Sie gewohnt sind, nur für Andere zu leben und zu allerletzt an sich selbst denken, werden sich schwer darein finden. – –
Die Cholera ist noch immer nicht erloschen, wenn auch etwas im Abnehmen. Unsre Bekannten sind Alle munter. Heyse hat Furchtbares erlebt (Sie haben die Tragödie wohl in den Zeitungen gelesen?) und ist ganz geknickt. Bernays wird ordentlicher Professor hier: ein großer Erfolg nach einem halben Jahre. Allgeyer ist der alte, Getreue. – –
Leben Sie wohl. Herzlichen Gruß an die Ihren und Joachim’s.
Immer Ihr treuergebner
Hermann Levi.

München 25.12.73

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 668ff.
 

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