15.07.2019

Briefe



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ID: 19857 Brieftext


Geschrieben am: 17.01.1874
 

Liebe Freundin!
Ich habe nie eine Schreiner-Rechnung gesehen! hätten Sie mir eine solche geschickt, so würde ich ja nicht die Umstände mit dem Bezahlen gemacht haben; so viel Geld, um die Rechnung einstweilen zu berichtigen, hätte ich schon aufgetrieben. Ich weiß aber gar nicht, wie der Schreiner heißt, noch wie viel er zu bekommen hat. Frl. List schickte heute früh gleichfalls nach der Rechnung. Ich will morgen – heute kann ich unmöglich – zu ihr gehen, und nach Schreiner und Preis fragen und die Sache ordnen. –
Perfall ist der beste Mensch, aber der schlechteste Geschäftsmann. Alle Acht Tage frage ich, ob er Ihnen das Geld immer noch nicht geschickt habe, worauf er sich jedesmal die Stirn reibt, Ihren Namen auf einen Zettel schreibt, und sofortige Anweisung verspricht. Heute hatte er ohnedies schon so viel Unannehmlichkeiten, daß ich nicht auch noch fragen wollte. Aber morgen früh – wenn das Geld, wie ich aus Ihrem Briefe schliesse, wirklich noch nicht abgegangen ist, will ich ernsthaften Spectakel machen. – Die 60 mir von Herbeck geschickten Gulden habe ich bereits den Copisten gegeben. Die Partitur liegt fertig. Die Aenderungen will ich gleich hineinschreiben. Soll ich sie dann Ihnen schicken? – Ich selbst hatte geglaubt, daß das Honorar wie eine Abschlags-Zahlung für die Tantièmen anzusehen sei. Aber Perfall hat nach nochmaliger Durchsicht des betr. Gesetzes gefunden, daß solche Rechnung nicht angehe: daß entweder Honorar oder Tantièmen ausgemacht werden müsse. Und nun sagen Sie nur einmal, was ich Ihnen gethan habe, daß Sie mir solche Briefe schreiben? Ich muß Ihnen doch eine Blumenlese des letzten geben: 1.) „Entschuldigen Sie, daß ich so unüberlegt war, Sie mit der Zahlung meiner Rechnung zu belästigen. 2.) Die Partitur bitte ich zu behalten, bis Sie einmal Zeit und Güte haben. 3.) Auch bitte ich zu entschuldigen, daß ich das von der Tantième schrieb. 4.) Dank für die Karte. 5.) Es thut mir schrecklich leid, daß ich Ihnen mit Allem dem so zur Unzeit gekommen bin.“!!
Liebe Freundin. Wenn Sie mir einmal sagen: „Lieber Levi – dort ist ein großes Feuer, springen Sie gefälligst einmal für mich hinein, so werde ich nicht lange fackeln, und hineinspringen. Auch ein tiefes Wasser soll mich nicht geniren. Wenn Sie mir aber, wie Bräsig sagt, „mit Redensorten unner die Oogen gehen“, so muß ich fragen: Wat soll dit, wat heit dit, un wat bedüd’t dit? – Wenn man einen ganzen Tag Beisitzer bei einem hitzigen Wahl-Akt war, und eben nur einmal nach Haus springt, um Einiges Geschäftliche, zu regeln, und in Eile und Aufregung ein paar Zeilen hinwirft, so muß der Empfänger eben Nachsicht haben. Ich bilde mir nämlich ein, daß irgend etwas in meinem Letzten gestanden haben muß, was mir solchen Briefton zugezogen hat, obgleich ich mich nicht entfernt besinnen kann, was. Ich bin sonst nicht mißtrauisch, aber selbst das „Gott befohlen“ mit 3 Ausrufungszeichen am Schlusse Ihres Briefes hat mir etwas Befremdliches! Machen Sie mit mir, was Sie wollen, aber sein Sie nicht mehr höflich gegen mich. Wenn Sie Etwas gegen mich haben, oder wenn ich ungeschickt gewesen bin, so zanken Sie mich herzhaft aus; verdiente Schläge weiß ich mit Fassung zu tragen. – Trotz alledem hat mich Ihr Brief sehr erfreut, weil Sie ihn – selbst geschrieben haben, was ich mir als eine Besserung des Handübels deute. – – Von mir ist nicht viel zu berichten; ich leide, wie Alle und Alles unter dem von der Cholera hervorgebrachten Druck. Der Krankheitsstand ist seit Wochen der gleiche, die Wissenschaft ist ratloser als je. – Von meiner Freundin6 höre ich oft. Die Hoffnung auf einen Erfolg ihres Aufenthaltes im Süden muß ich wohl aufgeben. Jetzt ist auch ihr Bruder, ein prächtiger, blühender Mensch von 21 Jahren an demselben Leiden erkrankt. Ich kenne keine schauerlichere Tragödie, als den Lebensgang dieses Mädchens. Und daß ich in dieselbe verwickelt worden bin – und ohne jede Schuld – wiegt allein Alles auf, was mir sonst das Leben von Glück und Erfolg und schönen Beziehungen zugebracht hat. Es ist ein Wahn zu glauben, daß Wunden mit der Zeit vernarben. Aber lassen Sie uns diese Nachtseite meines Lebens nicht mehr berühren; sie ist um so trostloser, als ich keinen Gründen und Vorstellungen zugänglich bin.
Grüssen Sie ihre Kinder herzlich von mir. Sie haben mir einmal versprochen, mir etwas von Felix’ Gedichten mitzutheilen? – Macht Frl. Eugenie Fortschritte im Gesang? An unsrer Bühne sind viele Fächer erledigt. (Doch das klingt wieder, als woll’ich mich lustig machen, was doch wirklich und wahrhaftig nicht der Fall ist.) – Bernays behauptet, nicht im Geringsten verlobt zu sein. – Sehn Sie zuweilen meine Cousine Levy? Ist die Reise nach England aufgegeben? Ist die Sache Joachim Rudorff wieder ganz ausgeglichen? Könnte man von dem Felix-Brahms’schen Lied eine Abschrift haben? – Leben Sie wohl! – In alter treuer Freundschaft immer Ihr
Hermann Levi.

17.1.74.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
Absender Ort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
Empfänger Ort: Berlin
  SBE: II.5, S. 674-677
 



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