19.12.2019

Briefe



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ID: 19859 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 28.01.1875
 

Liebe Freundin.
Ein sehr beredter Mund hat den Auftrag, Ihnen Alles das zu sagen, was ich eigentlich diesem Brief vorausschicken sollte. Sie haben schon so viel Reden der Selbstanklage und der Bitte um Nachsicht von mir gehört, daß ich diesmal der freundlichen Ueberbringerin das Wort lassen will – also lassen Sie mich ohne Exposition gleich mit der Durchführung beginnen. Ich habe Frl. Meyer dermaßen über Alles was Sie betrifft, ausgeholt [sic], daß ich mich in Ihrer Wohnung in Berlin schon fast so heimisch fühle, wie in Baden; ihre Erzählungen haben mir die Empfindung verursacht, als ob ich hier auf einer einsamen Insel lebte, und ich habe mich sogar auf den [sic] verbrecherischen Gedanken erwischt: Freund Eckert umzubringen, oder ihm eine Sinekura als Ober-Ober-Oberkapellmeister zu verschaffen. Ich glaube, ich würde selbst die Berliner Opern-Misère geduldig ertragen um den Preis eines Verkehres mit den Menschen und Künstlern, die mir eben doch am nächsten stehen, und die ich hier bei aller Satisfaction des Berufslebens so schwer entbehre. Könnte ich mich wenigstens von Zeit zu Zeit einmal an ihnen erlaben! Aber es geht mir, wie Figaro singt: molto onore, poco contante – – Ich kann es fast nicht wagen, mich auf Ihren letzten, lieben Geburtstagsbrief zu beziehen; ich weiß, daß man, wenn man ein warmes Wort gesprochen, das anscheinend ohne Widerhall bleibt, dasselbe fast bereut, oder daß meistens ein gründliches Unbehagen zurückbleibt. Dieses zu zerstreuen ist eben wieder Frl. Meyer beauftragt. Und vielleicht glauben Sie mir auch ohne dies, wie herzlich ich immerdar Ihnen danke, und wie tief ich bedaure, daß es mir nicht gegeben ist, gerade mit den Menschen, die ich lieb habe, in steter Verbindung zu bleiben. – Von meinem Leben hier ist nicht viel zu sagen. Ich bin älter und einseitiger geworden. Wenn ich Vergangenes und Gegenwärtiges vergleiche, so ist ein künstlerisches Plus und ein menschliches Minus zu constatieren. Aber das liegt gar nicht an der Stadt und deren Verhältnissen, sondern einfach daran: daß ich älter werde. Ich bemerke mit Verdruß, daß mein früher unverzichtlicher Leichtsinn und meine Kunst, in dem Momente zu leben, und Alles, was derselbe bringt, zu genießen, einer gewissen Ernsthaftigkeit und Tugenboldigkeit Platz gemacht hat; ich wundre mich auch weniger darüber, daß ich in Gesellschaften an dem Tisch der „Alten“ plaziert werde, als darüber, daß ich mich an demselben recht behaglich fühle, und gar kein Verlangen habe, an dem Gelächter, was mir vom Tisch der „Jungen[“] herüberschallt, Theil zu nehmen. Das ist der Lauf der Welt, wenn man die 35(!) überschritten hat, und dann wäre es Zeit, „sich bei Zeiten zu berathen“ wenn ich nicht andererseits in meinem Berufsleben viele Entschädigung fände. Es ist nämlich wunderschön hier, und eine wahre Lust zu arbeiten; wenn nicht von Zeit zu Zeit die Zukünftler einen kleinen Angriff in einem Lokalblättchen losliessen, so lebte ich meine Tage in wahrhaft paradiesischem Behagen dahin.
Nächsten Monat beginnt meine Conzertsaison, auf die ich mich besonders freue. Warum mir nur Joachim auf meine Anfrage, ob er im Januar hierherkommen wolle, nicht geantwortet hat? Zu unsern Abonnements-Conzerten kann ich leider Joachim’s nicht einladen, weil wir kein (würdiges) Honorar zahlen können. (Die Musiker geben die Conzerte auf eigene Rechnung, und da jedes Conzert gepresst voll ist, gleichviel, ob fremde Kräfte mitwirken oder nicht, so muß ich eben auf Beßere verzichten und den Schwerpunkt auf orchestrale Leistungen legen.) Aber ich gäbe viel darum, wenn ich Joachim’s einmal hier haben könnte. Am 17. Februar ist das erste Odeons-Conzert. Was ich von Novitäten aufführen soll, weiß ich noch nicht. Für Palmsonntag habe ich Schicksalslied und 9te Sinfonie vor. Von Brahms habe ich lange Nichts gehört. Die Rezension Hanslick’s über seine Lieder hat mich geradezu empört. Brahms kann auch sagen: „Gott schütze mich vor meinen Freunden.“ Was sagen Sie zu dem Duett: „Wenn mit der Regenwand?“ Ist das nicht ein rührendes Stück? Und da meint so ein …. es fällt mir gerade kein parlamentarisches Beiwort ein – eine rechte Melodie könne Brahms doch nicht erfinden, und nennt ihn mit Rob. Franz zusammen! Ich habe nie viel von Hanslick gehalten, aber solche Banalitäten hätte ich ihm doch nicht zugetraut. –
Herzlichen Dank für die Sendung der Pariser Lieder. Daß Frühlingsnacht in zwei Versionen gedruckt ist, war eine sehr gute Idee. Ich habe Sie früher einmal um eine Abschrift der von Br. komponierten Lieder von Felix gebeten. Möchten Sie gelegentlich daran denken? – Ueber die Stockhausen’schen Aufführungen habe ich Widersprechendes gehört, möchte gerne Etwas aus competentem Munde erfahren. – Von Italien kommen (verhältnismäßig) gute Nachrichten. Frau Feidel bringt den Winter in Mannheim zu und seufzt darüber, daß sie sich in Heidelb. durch das Haus gebunden. Hier war sie noch immer nicht – ich glaube am Ende, die Miss erlaubt es nicht. – Und nun hätte ich noch Viel zu fragen nach allem Möglichen – aber das sähe ja aus, als ob ich mir einbildete, eine Antwort zu verdienen! Auch mit Grüssen will ich nicht anfangen – das hat Alles Frl. Meyer übernommen. Leben Sie wohl. Fragen Sie mich doch recht bald
wieder einmal etwas Geschäftliches, dann höre ich doch von Ihnen, und antworte auch gleich; ausserdem wage ich kaum mehr, Sie zu bitten, bald von sich hören zu lassen. Trotz Alledem aber bin und bleibe ich der Alte – Ihnen in herzlicher Freundschaft und Treue ergeben
Hermann Levi.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort: Berlin
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
687-690
 



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