23.11.2019

Briefe



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ID: 19861 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 20.07.1875
 

Liebe Frau Schumann!
Da Sie die leise Hoffnung in mir erregt haben, Sie im August oder September in München begrüssen zu dürfen, so möchte ich Ihnen doch das für diese Zeit festgesetzte Repertoire mittheilen, damit Sie sich ein paar gute Theaterabende heraussuchen können:
22. Aug. Ruinen von Athen. Fidelio.
23. " Wie es Euch gefällt. (Residenztheater).
24. " Wilhelm Tell (Schauspiel).
25. " Tannhäuser.
26. " Manfred.
27. " Don Juan.
28. " Cid. v. Corneille und Bürger als Edelmann (Molière)
(Residenzth)
29. " Freischütz
30. " Heinrich VI. Erster Theil
31. " Lohengrin
1. Sept. Heinrich VI. Zweiter Theil.
2. " Joseph.
3. " Richard III.
4. " Minna von Barnhelm. (Residenzth.)
5. Sept. Waffenschmied.
6. " Ein Erfolg (Residenzth.)
7. " Manfred.
8. " Tristan und Isolde.
9. " Das Fallisement v. Björnsen.
10. " Uthal (Méhul). Arzt wider Willen (Gounod)
11. " Erbförster. (Residenzth.)
12. " Wassertraeger
13. " Lästerschule v. Sheridan (Residenzth.)
14. " Lohengrin.
15. " Faust von Goethe.
16. " Die Maler (Residenzth.)
17. " Cosi fan tutte.
18. " Sommernachtstraum.
Wir werden, force majeure vorbehalten, dieses Repertoire durchführen. Genoveva war leider nicht aufzunehmen, da der eben erst eingetretene Baryton die Rolle des Siegfried noch nicht studirt hat. –
Sie werden diesmal noch nicht viel von Ihrem Landaufenthalte gehabt haben? Alle Berichte vom Continent klagen über anhaltenden Regen. Wir hier haben, 2 Gewittertage abgerechnet, immer herrliches Wetter gehabt: kräftigen Wind, hellen Himmel, lebhaft bewegte See. Die Tage zerrinnen wie Stunden, und doch ist einer wie der andere: Segeln, Rudern, Fischfangen, Baden, Essen, Schlafen. Das Meer erzählt einem täglich neue Geschichten; ich könnte ihnen Monatelang lauschen, aber das Gebirge habe ich nach 8 Tagen schon satt.
Nun – es ist gut, daß der Geschmack verschieden ist.
Ich denke noch oft und gerne an das Kieler Fest zurück. War es das Zusammensein mit den Freunden, oder die Seeluft, oder das jugendfrische Musiciren – ich habe lange keine so plaisirlichen Tage verlebt. Sie selbst hatten einen ganz andern Gesichtsausdruck, als in den vergangenen Jahren; es schien, als ob alles Trübe, was Ihnen ein feindliches Geschick fort und fort zuträgt, in weite Ferne zurückgetreten wäre; eine Verklärung, eine Herzensheiterkeit lag auf Ihren Zügen und sprach aus Ihrem Spiele, und theilte sich Ihrer Umgebung mit, und am Ende ist es nur das, was mir die Erinnerung an das Fest so lieb macht.
– – – Halten Sie an Ihrer Absicht, nach München zu kommen, fest! Vom 6ten an bin ich wieder dort. Hier bleibe ich bis Ende dieses; werde dann noch einen Besuch in Badenweiler machen. Viel herzliche Grüsse an Ihre Kinder. (Felix ist jetzt wohl mit Ihnen?) Schicken Sie manchmal einen Gedanken zu mir herüber! In Treue und Herzlichkeit immerdar Ihr
Hermann Levi.

Helgoland. 20.7.75.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Helgoland
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
Empfangsort: Klosters
  SBE: II.5, S. 696-699
 

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