23.11.2019

Briefe



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ID: 19862 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 02.11.1875
 

Verehrte Freundin.
Daß Sie im Dezember nicht hierherkommen können, thut mir sehr leid! Aber gegen die von Ihnen angeführten Gründe kann ich Nichts einwenden. Um so bestimmter aber hoffe ich, daß Sie während der nächsten Fastenzeit (Februar, März) zu einem Odeon-Conzerte hierherkommen. Hat nicht auch die Wohnungsfrage auf Ihre Absage eingewirkt?
Ist denn da gar Nichts zu machen? Meine Fantasie war schon so kühn, an die Möglichkeit zu glauben, daß Sie bei – mir wohnen könnten (Sie wissen, daß ich zwei weibliche sehr zuverlässige Wesen zur Bedienung habe) und Ihre Töchter bei Meyer’s, welche letztere mir gegenüber wohnen. Aber das wird leider wohl Fantasie bleiben müssen. – Meine Gedanken und meine herzlichsten Wünsche sind nächsten Donnerstag Abend bei Ihnen. Wie froh bin ich, wenn ich des letzten Jahres gedenke, daß sich Alles wieder so schön gemacht, daß Sie wieder im Vollbesitz Ihrer Kraft sind. Bekomme ich vielleicht Freitag eine Correspondenzkarte mit kurzer Notiz über den Verlauf des Abends? – Frl. List habe ich gestern Abend im Conzert gesehen; ich will heute zu ihr gehen, um mir von Ihnen berichten zu lassen. – Frl. Meyer frägt an, ob der Brief mit den Bändern angekommen sei. – Von Marie habe ich ziemlich gute Nachrichten aus Nervi. Sie ist heiter und voller Zuversicht. Von ihrer wunderbaren Begabung und Vielseitigkeit habe ich kürzlich wieder einen Beweis gehabt. Sie schickte mir aus Carlsruhe ein im Juli 67 von ihr gemachtes Selbstportrait (in Oel), welches neben meinen Feuerbachs sich ohne grossen Abstand sehen lassen kann. Sie hat nie Unterricht im Malen gehabt. Haben wir irgend ein kleines Krakehlchen, oder stimmt sie ein Anlaß freudig, so macht sie ihrem Herzen durch Verse Luft, die in Bezug auf die Form geradezu meisterhaft sind. Seit Jahren kann sie nicht mehr spielen, aber sie liest Musik, so gut wie ich. Schicksallied und Harzreise kann sie Note für Note auswendig, ohne je einen Ton davon gehört oder gespielt zu haben. Und alle diese Anlagen entwickelten sich, obgleich sie seit vielen Jahren wie in Einzelhaft lebt, ohne Anregung, ohne einen Menschen, dem sie sich mündlich aussprechen könnte, es ist ein Jammer, und doch sehe ich keine Hülfe! – Ich will sehen, ob sich das Bild gut photographiren lässt. Dann schicke ich Ihnen einen Abdruck. – Perfall ist gestern von seiner Hochzeitsreise zurückgekommen; er war in Florenz gefallen, hatte sich das Knie verletzt; es geht aber wieder besser. Die Frau soll sehr musikalisch sein. Wenn wir nur keine Intendantin bekommen! Er ist schwach, und lässt sich gerne leiten. – Von Brahms weiß ich Nichts. Wenn Sie mir wieder schreiben, denken Sie daran, mir Etwas über ihn mitzutheilen. Er hat auf der Rückreise nach Wien München nicht berührt. Er mag mich wohl gründlich satt haben. Ich war darauf zwar immer gefasst, aber es wird mir doch recht schwer, es zu verwinden. – Lesen Sie doch Bernays’ Einleitung zu Jung-Goethe. Das ist ein Meisterstück. Es thut mir eigentlich doch leid, daß Sie Bernays gar nicht mögen. Er hat zwar seine großen Schwächen, aber die liegen so klar zu Tage, daß man sie in der ersten Stunde des Zusammenseins weg hat, während seine guten Seiten bei längerem Verkehr immer schöner hervortreten. Er hat sich hier,
wie überall,durch seine ewige Eitelkeit und allerlei Taktlosigkeiten viel Mißverständnisse zugezogen und Feinde gesammelt; aber bei einem Mann, der in seinem Berufe so Hervorragendes leistet, dürfte man Viel übersehen. Ich habe hier immer zu vertheidigen und zu beschönigen. – Heyse kommt nicht aus dem Elend heraus, seine Frau ist immer schwer krank, er selbst in höchstem Grade nervös; seit dem Frühjahr hat er keine Zeile schreiben können. Ich sehe ihn sehr viel.
Leben Sie wohl. Herzlichen Gruß Ihren Kindern! Immer in Herzlichkeit und Treue
Ihr
Hermann Levi.

München 2. November 1875.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 700ff.
 

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