15.07.2019

Briefe



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ID: 19863 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 11.12.1875
 

Liebe Freundin.
Wie soll ich Ihnen danken, daß Sie mir so lange und so lieb geschrieben. Ich bin ganz stolz, und komme fast in die Gefahr, indiscret zu werden, denn ich möchte allen meinen Freunden hier erzählen, was, und wie herzlich Sie geschrieben! Daß Ihr längeres Schweigen irgend einen Grund haben könne, habe ich niemals auch nur entfernt angenommen. Das wäre ja arg, wenn man nach so viel Jahren und nach so viel Beweisen ächter Freundes-Gesinnung nur einen Schatten von Zweifel aufkommen liesse! Leider habe ich in der letzten Zeit nach dieser Richtung hin eine schmerzliche Erfahrung gemacht, die ich wohl zeitlebens nicht verwinden werde. Sie wissen wen ich meine. Um so fester aber schliesse ich mich nun den Getreuen an, die nicht gleich wegen einer künstlerischen Differenz den ganzen Menschen und jahrelange schöne Beziehung wegwerfen, und wenn es Sie auch Nichts angeht, daß ich Sie lieb habe, so müssen Sie sich doch gefallen lassen, daß ich es Ihnen von Zeit zu Zeit sage, und es – bestätige, wenn Sie mich brauchen und ich helfen oder rathen kann. Und mehr noch als über den Ton, habe ich mich über den Inhalt Ihres Briefes gefreut. Daß es Felix besser geht, daß Sie wieder in Lust und Vollkraft Ihrem Berufe nachgehen können, daß Sie in England geniessen können, ohne sich anzustrengen, daß Sie mit solcher Frische von dem Eindruck von Concertaufführungen sprechen, das Alles klang meinem Ohr sehr melodisch, und deshalb will ich mir über das ernstere Postscriptum, die Domicilfrage betreffend, zuerst noch keine Sorge machen, und mir lieber einbilden, daß nur momentan die großen Schattenseiten Berlin’s auf Ihnen lasten, daß es Ihnen aber bei längerem Aufenthalte doch gelingen werde, sich zu schaffen, was Sie brauchen: gute Freunde, und anregendes künstlerisches Leben. Für den Fall aber, daß die nächste Zeit keine Aenderung in Ihrer Stimmung hervorbringen sollte, müssen Sie im nächsten Winter einmal hierherkommen, und sich die Dinge hier in der Nähe ansehen. Es ist Vieles augenblicklich besser, als in Berlin; aber da hilft kein Preisen, und kein Zureden, sondern – Selbst-Schauen! Ich glaube, ich könnte nirgendwo anders noch existiren. Auch Heyse und Allgeyer denken wie ich. Eine kleinere Stadt als München würde ich nicht rathen. Doch dieses Thema wollen wir ernsthaft behandeln, wenn es – reif ist. – Die Weihnachtstage werde ich diesmal in Nervi verbringen. Die letzten Nachrichten von Marie waren nicht gut. Von Besserung keine Rede. Durch meinen Besuch hoffe ich ihr doch wenigstens wieder für ein paar Monate Lebenskraft und -Licht zu geben. Seitdem sie weiß, daß ich komme, schreibt sie Briefe voll ausgelassenster Laune. Aber es wird eine arge Anstrengung für mich, da ich höchstens 8 Tage Urlaub nehmen kann, und fast 3 Tage zur Hin-Reise brauche. Ich werde ein kleines Christbäumchen wohlaufgeputzt von hier mitnehmen. Da wäre es dann gar schön, wenn auch von Ihnen ein kleines Zeichen daran hinge – etwa eine Photographie mit eigenhändiger Widmung?? Denken Sie am Bescheerungs-Abend ein wenig zu uns hinüber? Ich reise am 20ten ab. – Papa Meyer ist gestern hier angekommen, wird übermorgen nach Berlin zurückreisen. Mit Frl. Mary verstehe ich mich sehr gut; sie ist wirklich sehr nett und gut und zuverlässig. Schade, daß sie in so queren Familienverhältnissen steckt, und Wunder, daß sie trotzdem so geworden. Bernays’ Einleitung werde ich Ihnen gleich schicken, und den jungen Goethe dazu. Nehmen Sie an, daß das Buch 8 Tage später abgesendet worden sei, und legen Sie es, bitte, auf Ihren Weihnachtstisch. Bernays selbst treibt es hier, wie überall. Es ist schwer, seine vielen Schwächen zu übersehen; er wird vielfach schlimm beurtheilt, und es ist oft schwer, ihn zu vertheidigen. Aber ich halte doch an ihm fest, weil seine guten Seiten bei weitem überwiegen – Allgeyer macht mir einige Sorgen. Er hat sich jetzt selbständig etablirt, nicht als Photograph, sondern als Lichtdrucker; d. h. er will ein von Albert erfundenes Verfahren Photographien auf mechanischem Wege (ohne Sonne) zu vervielfältigen, ausnützen und möglicherweise vervollkommnen. Er selbst ist besten Muthes, und voll Vertrauen. Die Sache interessirt ihn weit mehr, als die Portrait-Photographie; da ist nur zu hoffen, daß er auch geschäftlich seine Rechnung finde. – Wie hat Ihnen der Fallisement gefallen? Hier bräuchten Sie nicht ¾ Stunden zu reisen, um ein schönes Stück zu sehen, und auch kein Geld für Billet auszugeben . . .! Aber die vierte Seite geht zu Ende. Da muß verschiedenes Andre auf ein andernmal verschoben bleiben. Auch herzliche Grüsse an Ihre Kinder, an Joachim’s und Stockhausen’s. Nochmals vielen Dank für Ihren lieben Brief.
Immer in Verehrung und Treue
Ihr
Hermann Levi

München 11.12.75.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 705-708
 



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