19.12.2019

Briefe



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ID: 19864 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 15.01.1876
 

Liebe Frau Schumann!
Wenn ich recht Lustiges von meiner Reise hätte berichten können, würde ich schon längst Ihren lieben Neujahrs-Brief beantwortet haben. Aber Unerquickliches, Trübes zu melden, hat keine Eile. Ich will auch heute mich einer Schilderung des Erlebten und Empfundenen enthalten; es wäre doch nur eine Variation von oft mit Ihnen durchgesprochenen Themen – ohne Schlußaccord. Auch habe ich keine rechte Muße zum Schreiben; mein Vater ist seit 8 Tagen bei mir; er war gestern und vorgestern recht unwohl; ich war recht besorgt, und wenn auch heute entschieden Besserung eingetreten, so bin ich doch noch recht praeoccupirt, und ich muß mich deshalb mit einem kurzen, herzlichen Gruße begnügen, um Frl. Meyer nicht mit ganz leeren Händen kommen zu lassen. – Was mir Simrock heute von Frau Joachim schreibt, hat mich tief erschüttert. Ich kann das Schlimmste immer noch nicht glauben. Die arme, arme Frau!
– – Mit Brahms ist es, wie ich Ihnen gesagt. Ich weiß Nichts von ihm, und kann mich auch nicht mehr zu ihm wenden. Später schreibe ich Ihnen einmal ausführlich darüber, wie auch über Marie. Was Sie sonst von meinem äussern Leben interessiren kann, mag Ihnen Frl. Meyer berichten. Es ist dumm, daß ich diese Zeilen abgehen lasse; nehmen Sie sie als Vorboten eines langen Briefs. (Ich habe mich ein klein wenig gebessert; habe oft ein großes Bedürfniß mich Ihnen mitzutheilen, also nehmen Sie mein Versprechen, bald zu schreiben, nicht als Redensart)!
Bleiben Sie mir ein wenig gut. Wer rings herum Verluste zu verzeichnen hat, wie ich, der möchte sich doppelt herzlich den Treuen, Bewährten anschmiegen.
Mein Vater empfiehlt sich Ihnen aufs Herzlichste, auch Bernays, der eben ins Zimmer tritt.
In Treue und Verehrung
immerdar
Ihr
Hermann Levi.

15.1.76.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
711f.
 



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