15.07.2019

Briefe



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ID: 19865 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 15.03.1876
 

Liebe Frau Schumann!
Marie ist gestern Dienstag früh ohne Todeskrampf an einer Herzlähmung gestorben. Ich konnte nicht einmal zur Beerdigung recht kommen. Ihr Bruder war seit einigen Wochen bei ihr. Ihr letzter Brief an mich vom 12ten war noch voll Hoffnung. Ich selbst war seit lange gefasst. Von morgen ab hatte ich Urlaub genommen; ich wollte sie noch einmal sehen. Meinen Brief, in dem ich ihr mein Kommen anzeigte, hat sie wohl nicht mehr gelesen. Ich habe Alles verloren. Seit 10 Jahren war sie, selbst in den Jahren, da wir ausser Verbindung waren, der Mittelpunkt, um den sich mein Leben drehte. Ich weiß nicht, wie es ferner werden soll; der Mensch ist zu Ende, der Musiker wird wohl noch eine Weile fortvegetiren. Gönnen Sie der Armen eine Thräne. Es war ein herrliches Wesen. Ich hoffe, Sie erinnern sich ihrer Züge? Der Weihnachts-Abend war der letzte Lichtblick in unserem Leben. Sie schien völlig gesund, wir lachten und plauderten, wie die Kinder. Aber am andern Tage sagten mir ihre tiefliegenden Augen, daß ich sie nicht wiedersehen werde. – Vielleicht gehe ich auf einige Tage zu ihrer Schwester im bad. Oberland; vielleicht auch stürze ich mich in die Arbeit – denken Sie meiner ein wenig. Wenn Sie Brahms schreiben, theilen Sie es ihm mit.
Von ganzem Herzen
Ihr getreuer
Hermann Levi.

15.3.76

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 712f.
 



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