19.12.2019

Briefe



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ID: 19866 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 30.05.1876
 

Liebe Frau Schumann.
Leider kann ich Felix nicht sehen! Ich reise morgen früh auf 4–5 Wochen nach Bayreuth. Aber meine Haushälterin bleibt hier, und ist instruirt. Er soll nur bei mir absteigen. Für eine Nacht wird das ihm freilich nicht bequem sein, da meine Wohnung weit vom Bahnhof ist. Aber wenn er mehrere Tage bleiben will, so soll er ja nicht in’s Gasthaus gehen! Auch werde ich meiner Haushälterin 60 Mark hinterlassen, die sie Felix verabfolgen soll. Ich schreibe ihm dies Alles heute noch. – Anfang Juli werde ich zu meinem Vater, nach Mannheim, Carlsruhe, Baden (?) und in’s bad. Oberland zu Mariens Schwester gehen, Anfang August wieder zurück nach Bayreuth zu den General-Proben; am 17. August ist mein Urlaub aus. Für den September haben wir noch keine Pläne gemacht, doch es wird sicher wieder ordentlich musizirt werden. Im Juli hoffe ich Sie sicher zu sehen. Bitte theilen Sie mir Ihre Sommerpläne mit! Pacher’s sind noch hier. – Es geht mir ganz passabel. Marie hat mir einige Bände Tagebücher hinterlassen; ich lebe da noch einmal unsre ganze Vergangenheit durch. Und diese Lectüre und mein Beruf sind gegenwärtig die Pole, um die sich mein Leben dreht. Im Uebrigen bin ich sehr grau geworden, äusserlich und innerlich. –
In unserem Theater bereitet sich eine bedenkliche Crisis vor, die mich sehr beschäftigt und – bekümmert. Mein Verhältniß zu Wüllner, das bisher das beste war, ist ganz zerstört. Und nicht durch unsre Schuld, sondern durch die Lage der Dinge. Einer von uns wird seinen Abschied nehmen. Es handelt sich um die Direction des Nibelungen-Werkes, die Wüllner mit allem Recht für sich, ich mit gleichem Rechte für mich in Anspruch nehme. Die Sache ist so verfahren, daß selbst unsere gemeinschaftlichen Freunde keinen Rath wissen. Es ist ausser allem Zweifel, daß der König für mich entscheiden wird. Dann wird Wüllner vom Theater zurücktreten. Er dauert mich entsetzlich, denn er wird für sein Leben unglücklich sein; und doch kann und darf ich nicht anders handeln. Selbst wenn ich auf die Direction des Werkes verzichten wollte, würde Perfall darauf bestehen, und mit vollem Recht, da ich nur das Theater habe, und Wüllner (vermöge seiner sonstigen Stellungen) am Theater nur eine zweite Stellung einnehmen kann und bisher auch eingenommen hat. Die Sache wird viel Aufsehen machen, und mir noch viel schwere Stunden bereiten. Bitte vorläufig nicht davon zu sprechen. – Ich bin in grösster Eile – vor der Abreise. Für meine Adresse in Bayreuth genügt Namen und Titel. – Wann werden wir wieder einmal in Gemüthlichkeit plaudern? Es wäre herrlich, wenn Sie im Juli in Baden wären!
Immerdar in Treue und Herzlichkeit
Ihr
Hermann Levi.

30.5.76.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
715ff.
 



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