15.07.2019

Briefe



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ID: 19867 Brieftext


Geschrieben am: Montag 19.06.1876
 

Liebe Frau Schumann!
Wie leid war es mir, daß ich nicht selbst Felix bewirthen konnte! Er hat mir sehr freundlich geschrieben. Hoffentlich hat es meine Haushälterin an Nichts fehlen lassen. Schreiben Sie mir doch, wie Sie ihn gefunden, ob sein Leiden sich gebessert, welche Pläne er für die nächste Zeit hat. Auch von Frl. Elise habe ich so gar lange Nichts gehört. Ist sie noch bei ihrer Freundin? Behagt es ihr dort dauernd? Wird sie mit nach Klosters gehen? – Da ich Sie nun abermals in meinen Ferien nicht sehen kann, hoffe ich, daß Sie Ihren Rückweg über München nehmen. Die Bärenwirthschaft hat zwar aufgehört, aber ich werde für ein bequemes Privatlogis sorgen und für schöne Musik im Theater – Heute möchte ich Ihnen nur über die Wüllner’sche Angelegenheit einige Aufklärung geben. Sie haben mir harte Worte gesagt, und haben dabei wohl nicht bedacht, daß ein Mann, den Sie Jahrelang Ihrer Freundschaft gewürdigt haben, nicht so über Nacht einer ignoblen Gesinnung und Handlung fähig werden kann. Statt in das Detail der Dinge einzugehen, könnte ich mich darauf beschränken, zu constatiren, daß selbst die nächsten Freunde Wüllner’s – ich meine z. B. Heyse und Bernays – meine Handlungsweise vollständig billigen, ja daß Wüllner selbst meinen Standpunkt correct findet (wie ich den seinen) und einen Verzicht auf die Direction der Werke niemals von mir verlangt hat. Aber es liegt mir so sehr daran, von Ihnen verstanden zu werden, daß ich etwas weit ausholen und Ihnen über unser Verhältniß im Allgemeinen einigen Aufschluß geben muß. –
Im Jahr 1870 erhielt ich eine Einladung der Münchener Intendanz: die Walküre zu dirigiren. Bülow und Richter waren abgegangen, der König wollte die Walküre durchaus haben; Perfall wandte sich an mich, nicht nur um aus der augenblicklichen Verlegenheit herauszukommen, sondern um die Kapellmeisterstelle durch mich wieder definitiv zu besetzen. Ich sagte daher zu, behielt mir aber die letzte Entscheidung vor, bis ich die Meinung Wagner’s eingeholt hätte. Ich wusste, daß Wagner die Aufführung eines einzelnen Werkes aus der Trilogie mißbilligte, und hielt es für meine Pflicht, mich erst mit ihm zu benehmen. Wagner schrieb mir, die Walküre sei ein Fragment, und könne als solches nur mißverständlich wirken; er werde sich bis zum Äussersten gegen eine Aufführung stemmen. Hierauf schrieb ich in München ab, und nun erhielt Wüllner, damals Dirigent der Hofkapelle (Kirchenchor) den Befehl, die Direction zu übernehmen, was er als Königl. Beamter nicht ablehnen durfte. Auf diese Weise kam er überhaupt erst ans Theater, übernahm auch viele andere Opern, und war bis zum Jahr 72 Alleinherrscher des ganzen musikalischen Gebietes. Indessen mußte doch die Berufung eines ersten Theater-Kapellmeisters sich als nothwendig herausgestellt haben, denn die meine wurde allgemein nicht als eine unverdiente Zurücksetzung Wüllners, sondern als ein unabweisbares Bedürfnis angesehen. Bei der Regelung meiner Competenz galt es, Wüllner nach Möglichkeit zu schonen, einen Modus zu finden, unter welchem er am Theater bleiben könne. Ich verzichtete auf den Titel eines ersten Kapellmeisters, nahm aber die Stelle eines solchen von vornherein für mich in Anspruch. So wurde in meine vom Könige unterschriebenen Ernennung der Passus eingefügt: daß mir allein das Recht zustehe, alle neuen Werke zu dirigiren. Diese Clausel ist Wüllner damals mitgetheilt worden, und er hat sie ausdrücklich anerkannt. Die auf dem Repertoire befindlichen Opern wurden so getheilt, daß ich etwa 2/3 erhielt. Da ich Wagner gegenüber gewissermaßen verpflichtet war,so mussten Rheingold und Walküre vorläufig Wüllner verbleiben, jedoch erklärte ich schon damals Perfall, daß ich die Werke dirigiren würde, wenn sie erst in Bayreuth in Scene gegangen. Perfall aber theilte Wüllner (was ich jetzt erst erfahren habe) in einer offiziellen Zuschrift Wüllner die Direction des ganzen Werkes zu – „vorbehaltlich der Königl. Genehmigung, bei deren Einholung wohl in’s Gewicht fallen werde, daß er Rheing. und Walküre bereits dirigirt“. – Bei meinem Amtsantritt schrieb der König an Perfall, es sei zu erwägen, ob Wüllner nun nicht wieder ganz vom Theater zurücktreten solle. Perfall war sehr geneigt dazu, ich aber wiederrieth es dringend. Auch während der folgenden Jahre hatte ich immer Mühe, Wüllner Perfall gegenüber zu halten. Mehr als einmal war W. durch Perfalls Verhalten in die Lage versetzt, seinen Abschied nehmen zu müssen; ich habe immer wieder vermittelt, einmal sogar auf Kosten meiner guten Beziehung zu Perfall, der mein Verhalten als „Schwäche und übertriebene Rücksicht“ gar nicht begreifen wollte. Indessen erreichte ich durch stetes Nachgeben soviel, daß W. am Theater bleiben konnte, und daß er sich schließlich mit seiner Stellung zufrieden erklärte. Unsere persönliche Beziehung war die beste, und es schien Alles gut zu sein. Ich dirigirte alle neuen Werke, alle Verwaltungsangelegenheiten ordnete ich allein, selbst in den Repertoire-Sitzungen war W. nicht zugegen – kurz ich war der eigentliche Theater-Kapellmeister, und hatte als solcher viel Arbeit, aber wenig Plaisir. Wüllner dagegen hatte eine wundervolle, beneidenswerte Stellung: Dirigent des besten Chores der Welt, als Inspector der Musikschule von grösstem Einflusse; am Theater dirigirte er nur gute Sachen: Don Juan, Armide, Orpheus, Joseph, Medea, Lohengrin, Holländer, Jessonda, Heiling, Templer, Oberon, mir dagegen fielen wiederum als dem eigentlichen – „Theater“ Kapellmeister alles elende Zeug zu, was sich noch auf unserem deutschen Repertoire herumtreibt: Regimentstochter, Troubadour, alle französischen grossen Opern etc. Auch das Recht auf die neuen Werke war ein sehr problematisches Vergnügen – Folkunger, Bergkönig, Erbe von Morley, Dornröschen – !! Nun kommt endlich einmal ein Werk, das – wie Sie auch über Wagner denken mögen, jedenfalls für den Dirigenten im höchsten Maße interessant ist. Perfall will in Zukunft in jedem Sommer alle vier Werke mehrmals hintereinander aufführen; der ganze nächste Winter soll dem Studium gewidmet sein. Und da sollte ich, der ich Nichts weiter habe, als das Theater, der ich jedenfalls auf Siegfried und Götterdämmerung als Novitäten ein vom König verbrieftes Recht habe, verzichten? Ein solches Opfer hat selbst Wüllner nicht von mir verlangt, denn unsre (in aller Freundschaft und mit voller Anerkennung des gegenseitigen Rechtes geführte) Correspondenz begann damit, daß mir W. eine gleiche Theilung vorschlug, worauf er Rheingold und Walkure, ich Siegfr. und Götterd. übernähmen Eine solche Theilung ist aber künstlerisch unmöglich. Das Werk ist eins und untheilbar. Ein Compromiß um den Preis, daß W. in der Walküre dasselbe Tempo schnell nähme, das ich im Siegfried langsam nehme, oder umgekehrt, würde uns vor aller Welt lächerlich machen. – Nun sagt Wüllner: Ich habe einmal die Walküre dirigirt, nimmt man mir die Direction, so bleibe ich nicht am Theater. Ich andrerseits würde an dem Institute, an welchem das bedeutendste Bühnen-Werk der Neuzeit von einem Andern dirigirt wird, keine Stunde mehr bleiben. Zieht sich W. vom Theater zurück, so bleibt er Hofkapellmeister mit vollem Gehalte, tritt nur wieder in die Stellung zurück, die er vor 1870 inne hatte; ich dagegen muß warten, bis an einem kleinen Hoftheater eine Stelle frei wird, oder muß Stunden geben. Sie sehen, daß von einer „Grausamkeit gegen einen Familienvater“ nicht die Rede ist. Wenn ich Ihnen schrieb, daß W. für sein Leben unglücklich sein würde, so bezog sich das lediglich auf seine Leidenschaft für das Theater. Uebrigens wäre mit einem Verzichte meinerseits gar Nichts gethan, einen solchen Verzicht würde Perfall ebensowenig annehmen, als er meine dringende Bitte, Wüllner auch einmal ein neues Werk zuzutheilen, je erhört hat. W. ist ein eminenter Musiker, vor dessen Begabung, Fleiß und Gesinnung ich großen Respect habe; aber es fehlt ihm die Theater-Routine. Wenn ich meine Stellung niederlege, so steht die Intendanz wieder auf demselben Punkte, wie 1872; es wird ein anderer erster Kapellmeister berufen werden; und ob W. dabei gewinnen würde, scheint mir sehr zweifelhaft. An der ganzen Verwirrung ist Perfalls unselige Schwäche Schuld. Um W. momentan zu beruhigen, hat Perfall ihm damals alle möglichen Versprechungen gemacht, die er nachher nicht halten konnte. Nur mein stetes Nachgeben und Vermitteln hat ein früheres Ausbrechen des Conflictes verhütet. Nun muß er durchgekämpft werden. In meinem letzten Briefe schrieb ich Wüllner: „Mir ist vor einem Siege fast ebenso bange, wie vor einer Niederlage, mir aber die letztere vorsätzlich beizubringen, wäre einfach Selbstmord.“ Fällt die Entscheidung des Königs für mich aus (woran auch W. nicht zweifelt) so werde ich Zeitlebens das Odium des Intriguenten, des Ehrgeizigen mit mir herumschleppen. Ihr Brief war mir dafür ein schlimmes Vorzeichen. Das kommt davon, wenn man an sich unhaltbare Verhältnisse durch Rücksicht, Schonen künstlich aufrecht erhalten zu können glaubt. Ich hätte mich auf diese scheinbare Coordinierung niemals einlassen sollen, aber W. hätte schon bei meiner Berufung, als er von meiner Vertrags-Clausel, die neuen Opern betreffend, Kenntniß erhielt, vom Theater abgehen sollen. – Hoffentlich gelingt es Wüllner’s Freunden, ihn noch in der letzten Stunde vom Äussersten abzuhalten. Ich an seiner Stelle würde folgendermaßen raisonniren: (das habe ich ihm auch geschrieben): Ich habe als Dirigent der Kirchen-Kapelle und der Hälfte der Odeon-Conzerte, sowie als Inspector der Musikschule eine schöne und einflußreiche Stellung, am Theater jedoch kann ich nur eine zweite Stellung einnehmen, der eigentliche Theaterkapellmeister ist Levi, und als solchem müssen ihm auch die bedeutendsten Aufgaben zufallen.“ – Will aber W. auch am Theater der Erste sein, dann ist kein Raum mehr für mich, und ich gehe. – Ich bin etwas ausführlich geworden. Aber das Wort „grausam“ und „Familienvater“ tönt mir heute noch so schmerzlich in den Ohren, daß ich mich Ihnen aussprechen musste. Ich habe an den Verlusten, die mir dieses Jahr gebracht, noch so schwer zu tragen, daß mir schon beim blosen Gedanken, ich könne abermals einen Freund verlieren, mein ganzes ferneres Leben unnütz erscheint. Ich wollte, ich könnte Sie sehen – ! Was sind Briefe! – – Leben Sie wohl. Schreiben Sie mir ein Wort hierher! In treuester, herzlicher Gesinnung allezeit
Ihr
Hermann Levi.

Bayreuth 19.6.76

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 718-723
 



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