25.02.2022

Briefe



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ID: 19868
Geschrieben am: Mittwoch 01.08.1877 bis: 29.08.1877
 

Liebe Frau Schumann!
Gerne hätte ich früher geschrieben, aber ich wollte auf so lieben Brief nicht mit einer Postkarte antworten; in Gedanken habe ich Ihnen manchen Gruß geschickt, zu ausführlichen Schreiben wollte die Kraft nicht reichen. – Es geht mir sehr langsam besser; ich kann schon eine Viertelstunde gehen, und das ist eine grosse Errungenschaft; auch Hunger und Schlaf stellen sich wieder ein; aber es wird noch eine Weile dauern bis ich mich kräftig genug fühle, meinen Beruf wieder aufzunehmen. Vor 15 September schwerlich. Wie Recht haben Sie mit dem, was Sie für mich wünschen! Auch der Arzt hier theilt Ihre Ansicht, daß eine schöne Häuslichkeit die beste Kur für mich wäre. Und glauben Sie nicht, daß ich selbst mich seit Jahren darnach sehne? Aber trotzdem weiß ich nicht, ob ich je dazu kommen werde, denn es gehört dazu mehr, als Wille und Einsicht, vor Allem ein bischen Glück und Zufall. Uebrigens habe ich in dem letzten Jahre sehr regelmässig gelebt, und war |2| auch immer wohl jene abgeschmackte Haschisch-Geschichte abgerechnet. Meine gegenwärtige Krankheit kann auch dem ruhigsten Philister zustoßen; es war ein Nervenfieber. Glauben Sie doch nicht, daß ich Ihre Mahnungen mißverstehen könnte – aus jeder Ihrer Zeilen sprach ein so herzlicher Antheil, ein so warmer Ton, daß ich mich tagelang mit Ihren Brief unterhielt, und ganz stolz war, daß er an mich gerichtet. Ich wäre ja Ihrer Freundschaft gar nicht werth, wenn ich nicht die Wahrheit von Ihnen vertragen könnte. – Aber was meinten Sie nur damit „Könnten Sie nur allem dem entsagen, und Manchem das ich nicht aussprechen will“ – Ist Ihnen Etwas über mein Leben, oder über Etwas, was ich gethan habe, zugetragen worden, was Sie nicht verstehen oder nicht billigen? Seit 1 ½ Jahren verläuft mein Leben (den Beruf abgerechnet) so absolut ereignißlos, daß ich vergebens nachsinne, auf was Sie zielen. Nichtwahr Sie sagen mir, was Sie meinten! So wie ich jede Wahrheit von Ihnen vertrage, so dürfen Sie auch allezeit sicher sein, die Wahrheit von mir zu hören. –
Daß ich im Stande bin, zwei Seiten von mir zu sprechen, mag Ihnen am besten beweisen, wie krank ich noch bin.
|3| 29. August
Da ich eben in meiner Mappe noch einen Bogen suche, fällt mir Umstehendes, schon Anfang dieses Monates Geschriebene, in die Augen. Ich weiß eigentlich nicht, warum ich den Brief damals nicht endigte. Seitdem kann ich mich nur insofern eines Fortschrittes in meinem Befinden rühmen, als ich nun sicher bin, daß Nichts zurückbleiben wird, (was wieder zur Folge hat, daß meine Stimmung, die immer schwarz in schwarz war, sich von Tag zu Tag hebt.) Jetzt gilt es, wieder Kraft zu gewinnen; die eigentliche Krankheit ist gehoben, aber die zurückgebliebene Schwäche äussert sich noch in allen möglichen Formen, Schlaflosigkeit etc. Gehen kann ich kaum so viel, als zum Treten des A-Moll Orgel-Fugen-Thema’s nöthig wäre. Nun gehe ich diesem Feinde mit engl. Beefsteak’s und Bordeaux zu Leibe, und diesen Waffen wird er wohl weichen. Ende dieses Monates hoffe ich wieder nach München zurückzukommen. Ich lag den ganzen Monat Juli zu Bett. Das war eine schöne Geduldsprobe!
Daß ich inmitten aller Beelendigung mich herzlich Ihrer Freude gefreut habe, brauche ich wohl nicht zu sagen. Frl. Elise schrieb ich gleich und bat sie, mir Etwas über das Wie und Seit wann, und über „ihn“ mitzutheilen, aber erst durch Sie hörte ich Näheres. Ich begreife, daß neben dem Gefühle des Glückes sich |4| manch schmerzlicher Gedanke, manch trübes Erinnern Ihnen aufdrängt. Das Schicksal hat Viel gut zu machen bei Ihnen; eigentlich schwankte bisher immer Ihr Leben zwischen höchster Freude und jähem Leid – möge es fürder in einer schönen, gleichmässig-ruhigen Linie dahinfliessen. Auch ich hätte nun genug des „Auf und nieder“ und der Stürme, möchte gern in einem Hafen landen –
Wenn wir uns nur wieder einmal sehen könnten! Geht es wirklich nicht November oder December mit einem Akademie-Conzert? Ist Frau von P. der Wau-Wau? Oder habe ich Ihnen bei meinem Abschiedskonzert in Carlsruhe das a-moll-Conzert nicht gut begleitet? Oder sind Ihnen die Münchener zu sehr „Communards“ geworden? Was letzteren Punkt betrifft, so bedenken Sie, daß das Conzert-Publikum sich gewaltig von dem des Theaters unterscheidet –
– Habe ich geträumt, daß Brahms im September zu Ihnen kommen wird? (Ich habe jetzt gar oft Mühe Erlebtes und Geträumtes zu scheiden). Gern hätte ich auch ihm längst geschrieben, aber ein Brief ist mir noch eine schwere Arbeit; ich kann nicht einmal anhaltend lesen. – Der Tag in Baden war der letzte, an dem ich mich wohl fühlte. – Habe ich Ihnen gesagt, daß ich sechs wunderschöne Tage auf dem Gute von Mariens Schwester verbracht habe (derselben, die Sie damals in Badenweiler gesehen haben). Ihren Mann kannte ich noch nicht, ward trotzdem von Beiden aufgenommen wie ein Bruder. Ich war ganz glücklich, es war mir wie ein Abschied – – Auch in Badenweiler war ich einen Tag –.
Was haben Sie zu Heyse’s traurigem Erlebnisse gesagt? – Seine letzten Briefe lauten wieder gefasst; im Anfange fürchtete ich für ihn. Er wird den Winter in Italien zubringen mit seiner Frau. Gar viel hätte ich noch zu sagen, und zu fragen. Aber es darf nicht sein. Darf in dem Wald mit der Hängematte und einem schönen Buche, welch letzteres ich Ihnen später nennen werde. Sagen Sie Ihren Damen schönste Grüße. Möge der Badener September auch diesmal seinen Rufe Ehre machen. Sie hören bald wieder von mir. In Treue und Verehrung Ihr Levi.
Wie die linkshändige Ciaconne aussieht, kann ich mir gar nicht vorstellen!

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Alexandersbad / München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort: Lichtental

  Standort/Quelle:*) D-Zsch, s: 10623,85-A2
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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