15.07.2019

Briefe



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ID: 19869 Brieftext


Geschrieben am: 03.11.1876
 

Liebe Frau Schumann.
Ich bin tief in Ihrer Schuld. Aber wann käme ich einmal zu glatter Rechnung mit Ihnen und allen denen, die mir nahestehen! Sie haben aber auch so lange keine Frage an mich gestellt. Wenn Sie doch alle 14 Tage Etwas von mir bräuchten – Sie wissen, daß ich dann immer gleich antworte. Doch hatte ich in der letzten Zeit doch immer Nachrichten über Sie; da aber auch diese – Büdesheimer – Quelle jetzt wieder versiegt ist, muß ich wohl abermals einen Versuch der Besserung machen, und fragen, wie es Ihnen geht, wie sich die Winter-Campagne anlässt, ob Sie sich noch einen Rest alter Freundschaft zu mir bewahrt haben, ob Sie von Ihrer früher ausgesprochenen Absicht, einmal im Winter einige Zeit hier zuzubringen ganz zurückgekommen sind u. A. Was letzteren Punkt – Ihr Hierherkommen betrifft, so muß ich noch eine in meinem Brief an Frl. Eugenie gemachte Äusserung ergänzen. Frl. Elise sagte mir zwar, Sie hätten gesagt: Wenn Levi nur wollte, so könnte er es auch. Aber da muß sich Frl. Elise wohl verhört haben, denn bis jetzt haben Sie doch noch immer Allem geglaubt, was ich Ihnen sagte. Die Verhältnisse hier sind wirklich nicht zu ändern. Die Conzerte sind überfüllt, gleichviel ob fremde Künstler mitwirken, oder nicht; die Einnahme wird unter die Musiker vertheilt und ist sehr gering, da es der letzteren 90 sind. Wenn wir nun einem Künstler 600 Mark Honorar geben, so muß eben jeder Musiker aus seiner Tasche 6 2/3 Mark zahlen, und das ist weder von ihnen zu verlangen, noch bei dem Ausschusse durchzusetzen. Ein eigenes Conzert zu geben ist aber gänzlich unrathsam. Wo wäre also ein Mittel, Sie oder Joachim, oder Frau Jo, die ich auch gar gerne einmal hier hätte, einzuladen. Ich habe schon daran gedacht, die Gründung einer Gesellschaft, ähnlich der Frankfurter anzuregen – aber das Orchester fürchtet nicht mit Unrecht die Dilettanten, und die gegenwärtige Verfassung ist zu alt und festgewurzelt. Wir können höchstens – und ausnahmsweise – eine Reiseentschädigung von etwa 250 Mark zahlen. Das ist traurig, aber wahr, und nicht zu ändern! In der That sind wir auch vollständig auf einheimische Kräfte angewiesen, und müssen den Schwerpunkt der Conzerte in die hochstehenden Leistungen legen. Es ist eine wahre Schande, daß Sie noch nicht in einem Akademie-Conzerte gespielt haben. Selbst meine kleine Vaterstadt Giessen ist in dieser Beziehung besser dran, als wir, denn dort hat, wie ich höre, Joachim bereits zugesagt. Gäbe es irgend eine Möglichkeit, so hätte Sie mir Wüllner gewiß schon weggeschnappt, denn wir zwei stehen jetzt richtig auf dem Standpunkte zweier Krähwinkler Liedertafel-Dirigenten. Erst vor wenigen Tagen hat er auf meine mehrfachen Vorstellungen, im Interesse der Sache die Form zu wahren und kein so lächerliches Schauspiel zu geben, in einen Grüß-Fuß eingewilligt. Unser ganzes geselliges Leben leidet natürlich darunter und mir persönlich ist dergleichen im Innersten zuwider. Mit der Zeit wird es sich hoffentlich wieder machen, und ich meinestheils werde jedes Opfer bringen, was ihm den Uebergang erleichtern kann. In der Hauptsache freilich konnte und durfte ich nicht nachgeben, denn um auch am Theater eine zweite Stellung einzunehmen, habe ich nicht eine so schöne Stellung wie die Carlsruher aufgegeben.
– Wissen Sie, daß wir in Giessen an einander vorbeigereist sein müssen? Hätte mir nur Frau Berna telegraphirt, daß Sie in Frankfurt seien! – An Frl. Elisen’s Aussehen und Stimmung habe ich mich sehr gefreut; ich hatte sie viele Jahre nicht gesehen und konnte in allen Beziehungen eine günstige Wandlung constatiren. Auch Frau Berna hat mir sehr gefallen. Leider wurden die letzten Stunden meines Besuches in Büdesheim durch ein unerquickliches Gespräch getrübt. Natürlich wieder Wagner. Es scheint, es soll mir nicht gelingen, mein Verhältniß zu diesem beliebten Streit-Object verstanden zu sehen; ich kann es nicht hindern, daß meine Ansichten für paradox, und meine Gesinnung (gegenüber meiner Vergangenheit) für Felonie gehalten werden. Und doch ist es, meine ich, nicht so schwer, einen Unterschied zwischen Dramatiker und Musiker zu statuiren. Brahms ist als Musiker gewiß ebenso erhaben über Wagner, als Mozart es war über Gluck. Aber hat deßhalb nicht Gluck doch eine Stellung neben Mozart? Wagner selbst hält sich nicht für einen Musiker im Sinne unserer Classiker. Ich finde alle seine Instrumentalcompositionen langweilig und armselig; wenn mir ein Schüler das bei Schott erschienene Albumblatt in die Stunde brächte, so würde ich ihn zur Thüre hinausbecomplimentiren. Aber wenn bei W. die Musik im Dienste des Drama’s steht, so bringt er Wirkungen hervor, wie Keiner vor ihm. Da er nun eben ein so ganz Anderer ist, als Alle vor ihm und neben ihm, da er keine Musik machen kann und will, sondern ein deutsches Drama zu begründen versucht, so sehe ich nicht ein, warum sich eine ehrliche, herzhafte Bewunderung seiner Schöpfungen nicht mit einer ebenso ehrlichen für Bach und Beethoven und Brahms vertragen sollte. Mir wenigstens ist das Schicksallied oder das G-Dur Sextett darum nicht ferner gerückt, weil ich Tristan für ein großes Kunstwerk halte. Hier, wie überall, erzeugen nur die fanatischen Freunde und Feinde das Mißverständniß. Die Bande, die sich Wagnerianer nennt, die neben einem Wagner einen genialen Schwindler wie Liszt auf ihren Schild hebt, ist mir ebenso ekelhaft, als mir die principiellen Gegner unbegreiflich sind. Dazu reizt mich noch der Letzteren Widerspruch und – Unkenntniß dazu auf, mich selbst zu steigern, und ungerechtfertigten Anklagen ungerechtfertigte Superlative entgegenzustellen, – kurz, ich habe immer einen gründlichen Katzenjammer nach solchen Gesprächen, die doch keinen andren Erfolg haben, als daß die Differenz der künstlerischen Anschauung endlich gar die persönlichen Beziehungen in Gefahr bringt, wie ich dies an meinem eigenen Leibe zu meiner großen Trauer bereits erfahren habe. Sie allein – doch ich will die Geister nicht heraufbeschwören, sondern dreimal auf den Tisch klopfen – „unberufen“ – – – – – – –
Die Lection, die ich im Herbste bekommen, hat gute Früchte getragen: ich habe das ewige Krächzen satt, und will durchaus gesund werden und kräftig. Meine gesellschaftlichen vielfachen Beziehungen hier habe ich in einem dichten Siebe zusammengeschüttelt, und nur wenige aber gute Körnlein sind unten herausgefallen. Zum Mittagessen habe ich mich bei meiner Cousine einquartirt, Abends gehe ich früh zu Bett, Morgens stehe ich früh auf, und da ich auch sonst in vielen Beziehungen zur Ruhe und zu einem Abschlusse gekommen bin, so fange ich an, dem Leben wieder Mancherlei abzugewinnen –
Wo werden Sie diese Zeilen wohl erreichen? Bitte senden Sie mir recht bald ein Zeichen; erzählen Sie mir von Ihren Fahrten! Ist auch Frl. Eugenie mit Ihnen? Wie geht es ihr? Grüssen Sie sie und Frl. Marie recht herzlich von mir.
In unwandelbarer Treue und Verehrung
Ihr
Hermann Levi.

München 3. Nov. 1876.

Allgeyer prosperirt in seinem Geschäfte, ist überhaupt sehr vergnügt. Ihn und Heyse meinte ich vor Allem mit den guten Körnlein. –

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 726-729
 

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