23.11.2019

Briefe



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ID: 19870 Brieftext


Geschrieben am: Montag 06.11.1876
 

Liebe Freundin.
Auch ich habe aus guter Quelle gehört, daß man in Berlin Genoveva (mit der Besetzung Mallinger – Brandt) aufführen will. Ich rathe Ihnen, kein festes Honorar zu verlangen, sondern eine Tantieme. 7 Prozent der Brutto-Einnahme, und ausserdem sich den Verkauf der Textbücher vorzubehalten. Ich schreibe gleich an Abraham – nicht in Ihrem Namen, sondern von mir aus,) werde ihm vorschlagen, entweder Ihnen das Recht, die Texte zu drucken, abzukaufen, oder von dem Ertrage der verkauften Texte einen Antheil zu geben. Sie sind durch das, was ich mit Abr. verabreden werde (falls er überhaupt darauf eingeht) in keiner Weise gebunden. – Was Sie mir von Brahms schreiben, wundert mich sehr. Er hat Allgeyer gefragt, ob er bei ihm wohnen kann. Weiter weiß ich Nichts von ihm. Ich bin entschlossen, falls er mich nicht besuchen, oder sich auf einen rein formellen Fuß mit mir stellen sollte, unter irgend einem Vorwande von hier abzureisen. Ich kann, da niemals Etwas zwischen uns ausgesprochen worden, der eigentliche Grund seines Verhaltens mir unbekannt ist, keinen Schritt thun, muß abwarten, wie er sich mir zeigen wird. Daß er seine Briefe unter meiner Adresse erwartet, will ich mir einstweilen günstig deuten. Wo er wohnen wird, weiß ich nicht. Allgeyer kann ihn nicht beherbergen. Wüllner hat ihn, wie ich höre, eingeladen. Ich schreibe Ihnen jedenfalls, wenn er hier sein wird. –
Frl. List und Frau v. Pacher, habe ich gestern in einem Concerte von Frl. Orgeni gesprochen; sie lassen schön grüßen. – Kürzlich hatte ich eine sehr nette Gesellschaft bei mir: Heyse, Bernays, Allgeyer u. A., ich war sehr musizierlustig, und spielte die 3 ersten Sätze der fis-moll Sonate und den ersten der C-dur Fantasie, und zwar gar nicht schlecht für mein Alter, so daß ich wieder Lust bekam, Klavier zu spielen; jetzt übe ich wie närrisch an der Humoreske und freue mich, daß meine Finger doch noch nicht ganz steif geworden sind. In vieler Beziehung spüre ich jetzt erst, wie schwer der Druck war, der so viele Jahre auf mir gelastet, und wie viel ich in dieser Zeit versäumt habe, was unwiederbringlich verloren ist. Ich hoffe, Sie werden das verstehen. Nicht, daß ich einen Tag zu bereuen hätte; im Gegentheil: ich würde, wenn ich wieder in dieselben Verhältnisse gestellt würde, wieder genau so handeln; auch haftet meine Erinnerung nur an dem Schönen, nicht an dem Trüben, was mir jene Zeit gebracht. Aber daß jenes ohnmächtige tägliche Leiden und Zusehen, und Nicht-Helfen-Können aufgehört hat, hat manche Kräfte in mir wieder zum Vorschein gebracht und mir manches Gefühlsfeld, für das ich mich schon erblindet glaubte, wieder eröffnet. Ein Frühling wird’s freilich nicht mehr werden, aber vielleicht doch ein erträglicher Altweiber-Sommer. – Haben Sie meinen letzten langen Brief bekommen? Als er von dem Briefkasten verschlungen war, dachte ich wieder: du hättest Dies und Jenes lieber nicht schreiben sollen. Aber Sie werden, wie immer, mit freundlichen Augen lesen! – Mit herzlichem Grusse an Fräulein Marie Ihr getreuer, heute noch sechsunddreißiger
Hermann Levi

6. November 76.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 731f.
 

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