19.12.2019

Briefe



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ID: 19871 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 22.11.1876
 

Liebe Frau Schumann.
Täglich seit meinem Geburtstage wollte ich Ihnen schreiben, hatte auch schon einmal angefangen, es kam aber immer Etwas dazwischen. Unterdessen hat sich fast Alles erfüllt, was Sie mir gewünscht haben, und ich bin gerne so abergläubisch, alles Gute, was ich seitdem erfahren, zum grössten Theile Ihren Guten Wünschen zuzuschreiben. Von meiner Gesundheit brauche ich nicht mehr zu reden; ich habe mich nie wohler gefühlt und werde meine gegenwärtige äusserst regelmässigen Lebensweise für alle Zukunft beibehalten. Der zweite Theil Ihrer Wünsche: meine Beziehung zu Brahms betreffend, ist auf die schönste Weise in Erfüllung gegangen. Es ist Alles wie früher, nur noch viel schöner. Mit Rührung und Dankbarkeit denke ich seines Verhaltens zu mir. Es wurde gar Nichts zwischen uns ausgesprochen; wohl aber hat er mit Allgeyer von mir gesprochen, und was ich aus dessen Andeutungen habe entnehmen können, hat mir die Ueberzeugung gegeben (die ich selbst in den Tagen unseres regsten Verkehres nicht zu fassen wagte), daß er wirklich Etwas auf mich hält, und daß auch ihm unsre Entfremdung nicht gerade behaglich gewesen ist. Ich hatte im vorigen Jahre gewiß gegen ihn gefehlt. Aber von wie viel Dingen war ich auch damals praeoccupirt! Wenn ich jetzt diese Zeit überdenke, so muß ich mich wundern, daß sich nicht alle meine Freunde von mir entfernt haben; ich hatte „Scheuleder“ vor den Augen, starrte immer nur auf einen schwarzen Punkt, und ringsumher lag doch fette, grüne Weide! Selbst Allgeyer gestand mir kürzlich, daß er es so nicht noch länger mit mir ausgehalten hätte. Brahms wusste von dem Allem Nichts; er musste als Gleichgültigkeit gegen sich ansehen, was doch nur Elend und Müdigkeit und Folge trüber Erlebnisse war, und er hatte vollständig Recht, sich von mir abzuwenden. In den ersten Tagen hatte ich natürlich Mühe, meine Bewegung zu verbergen, aber seine liebenswürdige Stimmung, sein zuthunlich herzliches Wesen gaben mir bald meine volle Unbefangenheit zurück, und beim Abschied besiegelte ein herzhafter Kuß den alten Bund, und das Vergessen alles Vorgefallenen. Auf einer Postkarte, die ich gestern erhielt, schrieb er u. A: „Ich reiste herzlich vergnügt, und die milde Nacht stimmte gar gut zu meinen Gedanken.“ – – Ich mag keine weiteren Worte machen – Sie können mir am besten nachfühlen, wie glücklich ich bin. – Ich weiß auch, daß Sie sich mit mir freuen. Die Aufführung der Sinfonie war ganz vortrefflich. Auch als Dirigenten habe ich Brahms wieder bewundert, und in den Proben Manches von ihm gelernt. Der letzte Satz ist wohl das Grösste, was er bisher auf instrumentalem Gebiete geschaffen; nächst ihm steht mir der erste Satz. Aber gegen die beiden Mittelsätze habe ich meine Bedenken; so schön sie an sich sind, so scheinen sie mir doch eher in eine Serenade oder Suite zu passen, als in eine sonst so groß angelegte Sinfonie. Sie haben etwas Genre-haftes, und werden von den beiden Riesenklammern des ersten und letzten Satzes fast erdrückt. Ganz wundervoll finde ich das neue Streichquartett, das wir bei mir gespielt haben; ein bedeutender Fortschritt gegen die beiden ersten, besonders was den Styl betrifft. Ich wüsste nicht, welchem Satze ich den Vorzug geben sollte. Vater Haydn muß im Grabe lächeln. Die Geschichte mit Düsseldorf ist mir nicht ganz behaglich; aber es ist schwer abzurathen. – Daß es Ihnen so gut auf der Reise8 gegangen, freut mich von Herzen. Ob ich wohl noch einmal das a-moll Conzert von Ihnen höre? Ich denke vergebens nach, wie es anzufangen wäre, Sie hierherzulocken, – wir im Süden sind doch in allen Beziehungen zurück. – Haben Sie meine beiden Briefe in Berlin gefunden? Von Frl. Elise hatte ich einen sehr liebenswürdigen Brief; grüssen Sie sie herzlich, wie alle die Ihren und Joachim’s. – Bei Frau v. Pacher habe ich vorige Woche meine Staatsvisite gemacht; wenn sie mir Zeit gelassen hätte zu reden, oder sich nur einmal geschneuzt hätte, würde ich ihr einen Gruß von Ihnen gesagt haben. – Allgeyer hat einige hübsche Aufträge; er wird täglich jünger und redseliger. Im Theater habe ich gegenwärtig wenig Freude. Goldene Kreuz, Aida!! Im Februar erst Alceste in neuer Einrichtung. Brahms sprach wieder in der schönsten innigsten Weise von Ihnen. Er ist doch ein ganzer Mensch, wo man ihn anfasst. – – Mit Ihrem Geburtstagsbrief wurde ich aus dem Schlafe geweckt, und der ganze Rest des Tages verlief so schön, wie er angefangen hatte. Mein Zimmer ist wieder um einige Stickereien reicher geworden; es ist jetzt sehr gemüthlich – sehen Sie sich es nur einmal an. Aber eigentlich müsste ich mir zuerst das Ihre ansehen! Wenn der Himmel diesen Winter einen alten Prinzen zu sich nimmt, so verbringe ich die Hoftrauer in Berlin. – Sehen Sie zuweilen Levy’s und Fidler’s? Nun leben Sie wohl. Ich bin und bleibe in Herzlichkeit und Treue
Ihr
Hermann Levi.

22.11.76.

Noch eine gute That von Brahms: Als ich ihm vorschlug, sein neues Quartett bei mir spielen zu lassen, sagte er: Unter einer Bedingung, daß Du Wüllner auch zu Dir bittest. Ich that das um so lieber, da ja unsre bisherige Verkehrsweise durchaus nicht von mir hervorgerufen war. W. kam, ich machte ihm wenige Tage meinen Gegenbesuch, wurde von ihm und der Frau sehr freundlich aufgenommen, und so ist auch diese Sache geschlichtet – bis zum nächsten Zusammenstoß! – – – –

  Absender: Levi, Hermann (941)
Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort: Berlin
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
732-735
 



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