15.07.2019

Briefe



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ID: 19873 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 11.09.1877
 

Liebe Frau Schumann.
Es ist eine Freude, sich wieder über Etwas freuen zu können. Während sich meine Gedanken während der letzten Monate nur trüben, theils wirklich Vorhandenem, theils von der Phantasie Ausgemaltem zuwenden konnten, fliegen sie heute dahin, wo sich ein frohes Fest bereitet. Wie gerne möchte ich dabei sein, wenn die Guirlanden an die Thüre gebunden, und die ankommenden Briefe und Paquete sorglich versteckt werden bis zu dem Tage selbst, da die Hausherrin, den Geburtstagstisch überschauend, erstaunt, fast beschämt über alle die Zeichen der Liebe und Verehrung, die von überallher der Mutter, der Künstlerin und der Freundin zuströmen, feuchten Auges in die Worte ausbricht: „Nein – aber Kinder!“ Und wie sie dann die Brief-Adressen mustert: von Rosalie, von Joachim, von Levi – und wie dann gar Johannes zur Thüre hereinkommt, ein frisch‑beschriebenes Notenpapier in der Hand, und den Dank für das Angebinde mit scherzenden Worten ablehnend – und wie für einen Moment ein Schatten über ihre Züge gleitet, da sie vergangener Zeiten gedenkt, und derer, die nicht mehr sind, wie aber dann wieder die schöne, beglückende Gegenwart ihr Recht behauptet – und auch die Räume, in denen sich dies Alles vollzieht, sind mir gegenwärtig, d. h. wie sie einstens waren, nicht wie ich sie kürzlich sah. – Wie gerne möchte ich dabei sein! Wie gerne ließe ich Waterkunst und dürre Pflaumen im Stich; vielleicht wäre mir jetzt freundlicher Zuspruch heilsamer als Cur und Arznei[en!] Aber es soll und kann nicht sein, und so müssen Ihnen wieder armselige, geschriebene Worte sagen: daß alle meine guten Wünsche mit Ihnen sind, und daß ich heute, wie künftig und immerdar Ihnen in treuer, herzlicher Freundschaft ergeben bleibe. – Beifolgendes Buch ist Ihnen seit lange zugedacht. Es war mir in Zeiten der schweren Noth ein Labsal und eine Tröst-Einsamkeit. Wie oft rief ich mir tröstend zu: wenn solche Menschen vergehen, wie darf Unsereiner an Leben und Gesundheit hängen. Das Buch ist über die Maßen schön. Oder sollte ich es überschätzen? Sollte durch die Krankheit mein Herz so weich, so jedem Eindrucke zugänglich geworden sein, wie meine Haut? Lesen Sie an einem schönen stillen Abend mit Ihren Kindern die Geburtstagsfeier auf der Gerbermühle (1814). Ich hoffe nicht, daß Sie das Buch schon besitzen! –
Es geht mir seit meinem letzten Briefe (nach Baden) erheblich besser, doch noch nicht gut. Gegen Ende d. M. hoffe ich wieder arbeiten zu können.
Lebewohl. Ich soll noch nicht viel schreiben. Viele Grüsse allen um Sie Versammelten!
Habe ich nur geträumt, daß Brahms bei Ihnen, oder ist es wirklich so? Nochmals – innige Glückwünsche von Ihrem unwandelbar
getreuen Hermann Levi

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Alexanderbad
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 746f.
 



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