15.07.2019

Briefe



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ID: 19874 Brieftext


Geschrieben am: 31.12.1877
 

Liebe Frau Schumann.
Ich bin seit Jahren gewohnt, meinen mir von Gottes- und Geburts-wegen angestammten Versöhnungs- und Bußtag auf den Sylvester zu verlegen. Mit Schläue habe ich mit den allerdringendsten Briefschulden bis heute gewartet, weil ich mir einbilde, heute eine Chance mehr für Vergebung meiner Schuld zu habe, weil auch ich meinen Schuldigern vergebe. Es ist die alte Geschichte; daß Sie mir böse sind, nehme ich nicht einmal an, aber es bedarf auch dessen nicht, mein Gewissen wach zu rufen, das schreit ganz allein. – Jetzt ist es 10 Uhr; ich habe, wie sich dies an einem Bußtage ziemt, gut zu Nacht gegessen, zwischenhinein eine schöne neue Novelle von Keller – Ursula benannt – gelesen, und nun geht’s an den Schreibtisch. Zuerst Frau Schumann, dann Heyse (der mir noch mehr zu verzeihen hat, als Sie), dann Emma Guerrieri, der ich nun schon seit 20 Jahren einen Sylvestergruß schicke. So ganz treulos muß ich also doch wohl nicht sein. – Frau Fiedler hat viel von Ihnen erzählen müssen; ich bin ziemlich orientirt, und ich freue mich von Herzen, daß so Vieles Ihnen jetzt nach Wunsch geht. Daß alle dunklen Punkte am Horizont des Lebens verschwinden, ist nicht zu verlangen. Freud und Leid sind rein subjective Begriffe; wer, wie Sie, so hohe Freuden genossen hat – und dies nicht etwa, weil das Geschick besonders günstig gewesen wäre, sondern vermöge Ihrer eigenen Natur, die allem Schönen und Wahren immer weit geöffnet war – das erfährt auch viel Leid, und empfindet dasselbe intensiver als gewöhnliche Menschen, die immer „drüberstehen“, bei denen die Erlebnisse sich nicht rückrollen. Was ich entbehre, dadurch daß ich Sie so selten mehr von Angesicht sehe, ist mir zwar allezeit bewusst und gegenwärtig; aber wenn ich Frau Fiedler so erzählen höre, erfasst mich immer eine ganz abscheuliche Sehnsucht. Und dabei ist der Zufall noch so impertinent, daß er mir oft Aussicht eröffnet, und dann in letzter Stunde ein Hinderniß bereitet. So im letzten Sommer und nun wieder mit Leipzig; ich hatte die feste Absicht, zum 10ten dort zu sein, nun geht es wieder nicht. Und mit Ihrem Hierherkommen ist es auch so eine Sache. Sie haben ganz Recht, daß Sie unmöglich nur zu unserm Plaisir die Reise unternehmen können. Aber mir sind die Hände gebunden. Honorar ist nach wie vor bei uns Chimäre; nur Sarasate (der freilich nebenbei noch Jongleur und Seiltänzer ist, was immer gut bezahlt wird) hat Bresche gelegt; er erhielt 400 M. und das Orchester spielte ihm in seinem Conzert. Selbst das hat hinterher böses Blut gemacht, und ist nicht zu wiederholen. Uebrigens höre ich zu meinem Erstaunen, daß das Gewandhaus höchstens 300 M. zahlt, wenn das wahr ist, wenn man das – „Honorar“ nennt, so können auch wir concurriren; wenn Sie mit 300 zufrieden wären, so will ich gleich jetzt einen Contract mit Ihnen schliessen, daß Sie jede Saison zu uns kommen, und mich ausserdem verpflichten, Ihnen jedesmal (vor und nach dem Conzert) 2 Theater-Abende nach Ihrer Wahl – (Fidelio, Manfred, Euryanthe?) zu arrangiren. Ascher-Mittwoch fangen wir wieder an. Auch mit dem Tag würden wir uns nach Ihnen richten. Möchte es doch endlich dazu kommen. Auch Joachim’s möchte ich so gern einmal herlootsen! – – Von mir kann ich eigentlich nur Gutes berichten; ich lebe sehr ruhig und die Lection, die ich diesen Sommer erfahren, hat mit all meinen früheren Fehlern, Lebensweise betreffend, gründlich aufgeräumt. Könnte auch anders die grosse Arbeitslast nicht bewältigen. Zehn Conzerte und alle grösseren Opern ist fast zu viel. Am Theater wird mir nächstens hoffentlich Hülfe werden. Morgen Abend ist Don Juan; ich habe heute zum erstenmale das Finale vom 2. Akt ohne Posaunen gemacht, (die meiner Ansicht nach nicht von Mozart sind) und finde die Wirkung viel besser. – Brahms spielte mir bei seiner Durchreise ersten und letzten Satz der zweiten Sinfonie vor. Habe aber nicht viel davon verstanden; so geht es mir nämlich jedes Mal bei einem Werk von ihm, (auch bei der ersten.) Erst nach und nach dämmert es mir. Soviel indessen habe ich herausgefühlt, daß Br. gegenwärtig aus üppigster Fülle herausschöpft, und daß wir uns das Herrlichste von ihm erwarten dürfen. Könnte ich doch am 10ten dabei sein!
Haben Sie Marianne gelesen? Als Sie mich zwickten, daß ich Ihnen Etwas zum Geburtstage geschickt, bedachten Sie nicht, daß beim Schenken der active Theil noch mehr Plaisir hat, als der passive. So oft ich seither in dem Buche blätterte, freute ich mich immer, daß Sie es von mir haben. – – Nun muß ich aber aufhören, sonst kommen Heyse und Emma gar zu kurz. Sagen Sie Ihren Kindern herzliche Grüße von mir! Besserung kann ich für das folgende Jahr nicht versprechen, wohl aber die Fortdauer meiner unwandelbar treuen Gesinnung zu Ihnen, die ja von Briefschreiben oder Nicht-Briefschreiben gänzlich unabhängig ist. Wenn Sie mir wieder schreiben, denken Sie daran, etwas über Elise beizufügen. Leben Sie wohl. Von Herzen Prosit Neujahr! Getreulichst Ihr
Hermann Levi.

Frau Fiedler finde ich sehr zu ihrem Vortheile verändert, ihr Wesen gehaltener, sicherer, ernster. Ich mag sie sehr gerne. –

München 31.12.77.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 750-753
 



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