19.12.2019

Briefe



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ID: 19877 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 06.03.1878
 

Liebe Frau Schumann.
„I lass’ net aus“ – sagt man hier zu Lande. Der Gedanke, daß Sie wieder einmal hierherkommen müssen, hat sich in meinem Kopfe so festgesetzt, daß ich erst dann wieder aufhören werde, Sie zu plagen, wenn Sie mir, was ich aber nicht hoffen will, entschieden sagen werden, daß Sie nicht wollen oder absolut nicht können.
Am 20, 27 März, und 4 April sind Conzerte, je nach Ihrer Wahl könnten wir auch einen anderen Tag nehmen (ausser Sonntag). – Die Honorarfrage ist keine Frage mehr; eine Generalversammlung des Orchesters hat mich ermächtigt, Ihre Wünsche in dieser Beziehung vollständig zu erfüllen.
Am Tage vor oder nachher Manfred im Theater, oder was Sie sonst wollen, und wir geben können. Bitte überlegen Sie, und sagen Sie mir, so bald es Ihnen möglich, Ihre Antwort!
Aber nicht Nein sagen! –
– Der Rückblick auf meinen Berliner Aufenthalt ist nicht in allen Theilen erfreulich. Auf so kurze Zeit werde ich nie wieder hinkommen; es war ein Gehetze, wie ich es nie wieder durchmachen könnte, und trotzdem habe ich viele Freunde gar nicht (Bamberger, Homberger) und andere viel zu kurz gesehen, um Etwas von Ihnen zu haben; ich kam auch halbtodt hier an und spüre heute noch die Uebermüdung. – Haben Sie Frau Schäuffelen kennen gelernt? Wenn ich nicht irre, haben Sie – ich glaube von Baden her – ein Vorurtheil gegen sie, oder ist es Brahms – ich weiß nicht; jedenfalls verdient die Frau etwas näher von Ihnen angeschaut zu werden; wenn Sie ihr helfen, ihre grosse Schüchternheit bei neuen Bekanntschaften im Allgemeinen und bei Ihnen im Besonderen, zu überwinden, werden Sie gewiß Freude an ihr haben. –
So oft ich an Berlin und seinen Lärm zurückdenke, muß ich mich wundern, wie und warum Sie es dort aushalten. Da lobe ich mir mein
München; hier kann man doch die Leute, die man gern hat, auch sehen, – oder sich sonst einem ruhig-behaglichen Genusse hingeben, und musikalisch stehen wir – die Joachim’schen Quartette ausgenommen,auch nicht viel tiefer, theatralisch sogar gewiß viel höher. Vor Allem hat das Publikum hier Instinct; der mag es oft falsch leiten, aber das ist mir lieber, als die sogenannte Bildung, hinter der unmittelbar Blasirtheit und Vornehmthuerei (wie z. B. in Leipzig) hervorspukt. – Aber zum Plaudern habe ich gar keine Zeit! Bitte recht bald um eine Zeile. Viele Grüsse an Ihre Kinder und an Fräulein – jetzt habe ich den Namen vergessen – und die allerherzlichsten für Sie selbst von Ihrem
getreulich ergebenen
Hermann Levi.

München 6.3.78.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
755f.
 



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