19.12.2019

Briefe



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ID: 19878 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 29.03.1878
 

Liebe Frau Schumann.
Damit ich nicht wieder zu spät komme, frage ich jetzt schon an, ob Sie an irgend einem von Ihnen zu bestimmendem Mittwoch im nächsten November u. December (zwischen 13 Nov u. Weihnachten) bei uns spielen wollen. Das schliesst aber nicht aus, dass Sie Ihr Vorhaben, im September eine Woche hier zu sein, gleichfalls ausführen! – In den Zeitungen ist Ihre Berufung nach Frankfurt zu lesen; darauf beziehen sich wohl Ihre im letzten Briefe gemachten Äusserungen? Heermann wollte wissen, Alles sei bereits abgemacht, die Bedingungen seien ganz nach Ihrem Wunsche geregelt worden. Wenn Letzteres wahr ist, so wäre ja sehr zu gratuliren; denn über kurz oder lang wäre doch die Frage eines Wohnungs-Wechsels an Sie herangetreten. Bitte gönnen Sie mir eine Postkarte mit kurzer Notiz, was Wahres an dem Gerüchte ist. Sehr Vieles spricht für Frankfurt: geographische Lage, solide Verhältnisse, Frank, Devrient, Museum – ich würde mich sehr freuen, wenn es zu Stande käme! –
Vorgestern hatte ich hier einen abscheulichen Abend, an den ich noch lange denken werde. Im ersten Akademie Concert der Fasten Saison hatte ein Frl. Menter das Brahms’sche Klavierkonzert (nebenbeigesagt, ganz vortrefflich) gespielt. Die Kritik hatte die Composition unisono heruntergemacht; Einer hatte sogar die Frechheit: die Akademie dringend zu warnen, nicht sobald wieder ein Brahms’sches Werk zu bringen, da das Publikum solches schwerlich ruhig hinnehmen würde. Auf diese Provokation antwortete ich, indem ich die C-moll Sinfonie (die nur einmal im vorigen Jahr unter Br.’s Leitung gemacht worden war) gleich für das nächste Concert ansetzte. NB. In der ganzen vorigen Saison war zufällig nicht einmal der Name Brahms vorgekommen. Nun bildete sich eine Opposition, Rheinberger à tête (!) um die Sinfonie für hier todt zu machen. Nach dem ersten Satz – Todtenstille! (Die wenigen Freunde trauten sich nicht); nach dem zweiten kleiner Applaus, der – sofort niedergezischt wurde. Nach dem dritten ebenso. Nur am Schlusse hielten die Applaudirenden den Zischenden die Stange, behielten schließlich sogar die Oberhand. Ich habe nie etwas Peinlicheres erlebt; bei der A-Dur Serenade, die ich voriges Jahr brachte, wurde freilich auch nicht applaudirt, aber doch auch nicht gezischt. Die Aufführung war wahrlich nicht Schuld – die Sinfonie ging ganz vortrefflich. Im zweiten Theile machte ich ein Stück von Bach – da war wieder ostentativer Beifall, der nicht enden wollte!
Was soll man dazu sagen? Und was soll man thun? Sehr fatal ist, dass ich an dem Orchester in dieser Beziehung gar keine Stütze habe; es giebt nicht einen Musiker, dem die Sinfonie gefiele!! Nur ein Stück von Br. hat jemals wirklichen Erfolg hier gehabt: Das b-dur Streichquartett; auch die Vokalwerke: Schicksallied, Harzreise, Requiem sind eindruckslos geblieben.
Muß wohl an der Luft liegen! Oder am Bier – oder sonst wo?
Meinem Vater habe ich die Stelle aus Briefe mitgetheilt, habe noch keine Antwort; er schrieb mir in einem früheren Briefe schon erfreut darüber, Sie gesehen zu haben, durchaus nicht empfindlich. – Am nächsten November feiert er sein 50-jähriges Doctor-Jubiläum! Was Sie von Frau Schaeuffelen schreiben, habe ich gar nicht verstanden. Ihr Vorurtheil gegen sie soll durch mich hervorgerufen sein? Ich habe doch wohl nie etwas Nachtheiliges von ihr gesagt, denn in den 5 Jahren, daß ich sie kenne, hat meine Beziehung zu ihr nie auch die geringste Schwankung erfahren; ich halte sie für durchaus zuverlässig und charaktervoll; wie sollte ich dazu kommen, Ihnen Gegentheiliges zu sagen? Sagen Sie mir gelegentlich, was Sie meinten.
Dass Ihnen Marianne gefallen würde, wusste ich; mich hat lange kein Buch so entzückt. – Aber ich habe gar keine Zeit zum Briefschreiben; soviel habe ich in meinem Leben noch nicht gearbeitet, wie jetzt. Leben Sie wohl. Bitte um Nachricht, wenn Etwas mit Frankfurt entschieden ist. Sein Sie mit den Ihren herzlich gegrüsst von Ihrem treulich ergebenen
Hermann Levi

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: [München]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
757ff.
 



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