19.12.2019

Briefe



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ID: 19879 Brieftext


Geschrieben am: Montag 08.04.1878
 

Liebe Frau Schumann.
Nachdem ich nun die näheren Bedingungen kenne, kann ich Ihnen nur recht von Herzen gratuliren. Ich glaube sicher, daß Sie sich in einer Stadt mittlerer Grösse viel behaglicher fühlen werden, als in Berlin. Unser Enthusiasmus vom Jahre 70 hat sich doch gar rasch gekühlt, und wir sehen, daß es nicht wohl gelingen wird, aus Berlin einen Mittelpunkt geistigen und künstlerischen Lebens zu machen; in politicis mag Berlin nach wie vor tonangebend bleiben, aber in der Kunst sind wir Deutsche einmal Particularisten. So wünsche ich denn dem jungen Frankfurter Kinde fröhliches Gedeihen, und Ihnen auf viele, viele Jahre hinaus ein befriedigendes Wirken! Hoffentlich sind Sie Raff gegenüber vollständig unabhängig (was Lehrplan etc betrifft), denn der ist ein sonderbarer Herr, eitel, schwatzhaft und kleinlich.
Den 13. November wollen wir festhalten. Schönsten Dank für die Zusage! Für ein gutes Repertoire im September werde ich nach Kräften sorgen. – Sie irren, wenn Sie glauben, daß an dem Mißerfolg der Brahms’schen Sinfonie die Zukünftler Schuld sind! Im Gegentheil. Im Conzertsaal giebt es bei uns keine Zukunft. In den 6 Jahren, da ich die Conzerte dirigire habe ich einmal ein Liszt’sches Stück gemacht (Mazeppa), und dem ist es geradeso gegangen, wie der Sinfonie. Es ist lediglich die Parthei der Philister, Rheinberger-und Lachner-ianer – wenn man hier von „ianern“ überhaupt sprechen kann. Die Zukunfts-Parthei hat hier nicht ein einziges Blatt trotzdem wurde die Sinfonie in allen Besprechungen heruntergemacht, und mit einer Leidenschaft, die einer besseren Sache würdig wäre; noch jetzt bekomme ich täglich anonyme Briefe mit Drohungen. Ich habe in sofern gefehlt, als ich zu rasch zwei Brahms’sche Stücke hintereinander brachte, aber ich war, wie ich schon schrieb, gereizt durch einen Recensenten, dessen Warnung zu beachten mir wie Feigheit erschienen wäre. Der triumphirt nun natürlich (es ist der intimste Freund von Rheinberger). Die Sache ist mir sehr fatal; das einzig Erfreuliche wäre vielleicht die Wahrnehmung, daß sich die Leute überhaupt für oder gegen eine Sache erhitzen können, was mir immer lieber ist, als eine vornehme Kühle wie im Norden. – Daß sich Brahms doch endlich zu einer italienischen Reise ermannt hat, freut mich sehr. Ich wollte, ich könnte dabei sein! Bin sehr ruhebedürftig! Heute z. B. von 10–2 Uhr Siegfried probirt, von 4–6 Uhr Saul von Händel! Und so geht es seit Wochen täglich! Am Ostermontag wird nun Siegfried endlich herauskommen – dann nehme ich 8 Tage Urlaub, setze mich nach Botzen [sic] und starre den (hoffentlich blauen) Himmel an! – Also die Schwätzereien über Frau Sch. und mich waren auch bis zu Ihnen gedrungen? Es scheint, daß die Thatsache, daß ich mit einer jüngeren Frau verkehre, genügt, die Betreffende in den Augen der Welt herabzusetzen. Wenn ich nur wüsste, welche Thaten mir diesen Don-Juan-Ruf verschafft haben! Seit dem Jahre 65, (da ich Marie kennen lernte) habe ich einer Frau gegenüber weder empfunden, noch – Empfindung geheuchelt. Ich habe viel Dummheiten in meinem Leben gemacht, und mancherlei zu bereuen, aber Frauen gegenüber habe ich niemals Scherz getrieben, und ich möchte den sehen, der mich einer leichtfertigen Handlung oder Gesinnung in dieser Beziehung zeihen könnte. Aber Ihnen gegenüber braucht es wohl keine solchen Versicherungen. Oder doch?! – – Die Nachrichten über Felix betrüben mich sehr! Dieses Frühjahr scheint überall, unter allen Himmelstrichen schlimm; schicken Sie mir eine Postkarte, wenn wieder Nachricht von F. kommt! Was sagen Ihre Töchter zu der Uebersiedlung? Der Entschluß mag Ihnen Allen doch recht schwer geworden sein; ein Stückchen Herz bleibt immer an dem Ort sitzen, wo man einige Zeit gelebt hat, und Abschiednehmen ist ein hässlich Ding. Martin Levy schrieb mir ganz melancholisch über Ihren Weggang. – Nun aber genug. Grüssen Sie Ihre Damen herzlich von mir. In alter Treue und Verehrung
Ihr
Hermann Levi.

8.4.78.

Ich wohne Arcostraße 2, III.18 Auf Brief-Adresse genügt aber Name und Titel.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
761-764
 



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