15.07.2019

Briefe



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ID: 19883 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 23.10.1878
 

Liebe, verehrte Frau Schumann!
Heute wünschte ich mir mehr als je, allen Menschen im Styl „über“ zu sein; aber gerade immer, wenn mich eine tiefere Empfindung zum Schreibtisch drängt, vergeht zwischen der Ueberschrift des Briefes und seinem ersten Wort eine lange Zeit, und die überströmenden Gedanken wollen sich nicht von Tinte und Feder in Fesseln schlagen lassen. Lassen Sie sich darum genügen, wenn ich Ihnen sage, daß ich, wenn auch räumlich getrennt, Ihren morgenden Ehrentage mit Ihnen verlebe, daß ich in Verehrung und Liebe Ihrer gedenke, und daß ich keinen sehnlicheren Wunsch habe, als daß ein gütiges Geschick Sie noch eine lange, lange Reihe von Jahren möge erleben lassen, unsere Kunst zu Nutz und Ehre, Ihren Freunden zur Herzerquickung! – Bleiben Sie mir auch in der Zukunft ein wenig gut; ich bin zwar in vieler Beziehung ein recht ungerathener Freund, aber in einem that es mir Keiner zuvor: in der Anhänglichkeit an Ihre Person und in der Verehrung für die Künstlerin, welche mit so berechtigtem Stolze auf ein halbes Saeculum glücklicher und beglückender Thätigkeit zurückschauen darf. Lassen Sie in diesen Tagen nicht wehmüthigen Ausblicken in die Zukunft Raum! Leben Sie ganz der schönen Vergangenheit, und wenn sich doch Ihr Blick auf nun dunkle Wolken und Horizonte heften sollte, so bedenken Sie, daß ein so reiches Leben, wie es nach innen und aussen zu leben Ihnen vergönnt ist, aus Contrasten zusammengesetzt sein muß, und daß nicht der Baum zu reichster und mächtigster Entfaltung kommt, der am meisten Sonnenschein hat, sondern der, dessen Wurzeln sich im Kampfe gegen Wetter und Wind erprobt und gestählt haben. Sein Sie aus vollem, dankbarem Herzen gegrüsst. Ich schreibe Ihnen und Frl. Marie spätestens Anfang nächster Woche nach Frankfurt. Heute und immerdar
getreu
Ihr
Hermann Levi.

München 23. October 1878.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 776f.
 



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