19.12.2019

Briefe



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ID: 19889 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 06.03.1879
 

Liebe Frau Schumann!
Am liebsten möchte ich meinen Brief mit den Worten anfangen: [„]Sprechen wir von etwas Anderem“! Denn wohin würde es mich führen, wenn ich dem tief-traurigen Eindruck, den mir Ihre Zeilen gemacht, nachgeben, auf diese selbst eingehen wollte? So gewiß eine minder starke Natur, als die Ihre, unter all den Schicksalsschlägen schon längst zu Grunde gegangen wäre, so gewiß werden Sie sich auch von diesem letzten wieder erheben, und Sie selbst geben, indem Sie der Kunst, und der Ihnen zur Seite stehenden Liebe der Kinder gedenken, die rechten und wirksamen Mittel dafür an. Haben Sie Dank von ganzem Herzen, daß Sie mir so geschrieben. Ich wollte, ich könnte jetzt bei Ihnen sein; meine Gedanken schleichen sich oft zu Ihnen; zumal in den letzten Tagen, da ich einer kleinen Erkältung wegen ans Zimmer gebannt bin, halte ich ganze Dialoge mit Ihnen und Ihren Kindern, erzähle Ihnen wohl auch eine erheiternde Geschichte, und sehe Sie dann wehmüthig lächeln -- Also wirklich von etwas Anderem.
Hanfstängel werde ich besuchen, wenn ich wieder ausgehen kann. Hoffentlich übermorgen.
Lenbach ist durch seinen Besuch in Friedrichsruh etwas ausser Fassung gekommen; er muß demnächst wieder nach Berlin, hat einige Bilder des Kanzlers angefangen, deren keins ihm genügt, und das macht ihn zappelig. Mich wundert, daß er Ihnen nicht geschrieben; mir sagte er, er müsse den Reichs-Wau-Wau nun erst vollständig wieder los sein, dann aber solle es sofort an Ihre Bilder gehen. –
Haben Sie meinen Vorschlag, die Briefe, Tagebücher etc. Schumann’s von Marie Eller abschreiben zu lassen, mit Ihren Kindern überlegt? Sie wäre glücklich, wenn Sie ihr die Arbeit übertrügen; für ihre absolute Discretion stehe ich ein; wenn Sie es wünschen, soll weder ihre Mutter, noch ich, die Sachen lesen. Ich glaube, dass Ihre Kinder vorerst nicht dazu kommen werden, die Arbeit zu machen; und einmal muß sie doch gethan werden. In dem Briefe 4182 Sammlung Dez. 50 – Oct. 51. schreibt Paul Mendelssohn, er habe Schumann’s Briefe an Mendelssohn Ihnen zurückgeschickt. Haben Sie dieselben? Das wäre doch zunächst sehr interessant! Eigenhändige Briefe oder Billetchen von Mendelssohn finden sich
in der Sammlung Febr. 36 – Decbr. 36 Nro 314.
" " " " " " " " 370.
" " " " " " " " 478.
" " " Juli 39 – März 40 " 1408.
" " " " " – " " " 1433.
" " " März 40 – Octbr 40 " 1695.
" " " Sept. 43 – April 44 " 2833.
NB Ich habe nur 11 Bände im Ganzen durchgesehen. Sehr amüsiren wird Sie ein Brief v. Wagner Nro 1880 in d. S. von Oct 40 – April 41. (aus Paris) und interessant ist einer aus Königsberg Nro 494 i. d. S. vom Febr. 36 – Decbr. 36. Ganz reizend sind alle Br. von Stephen Heller z. B. Nro 4679 i. d. S. Febr 36 – Decbr. 36., höchst lustig zu lesen. – Der Band Sept 48 – Aug. 49 giebt ein trauriges Bild von den Leiden, die ein deutscher Componist durchzumachen hat, bis er eine Erstlingsoper an einem Theater angebracht. Sie haben das Alles damals mit durchlebt; aber Ihre Töchter mögen in diesem Bande Nro 3541, 3566, 3570, 3605, 3630, 3643 u. 3660 lesen; die Briefe von Rietz (der in der Sache ganz gewiß ungerecht beschuldigt war) sind auch stylistisch sehr merkwürdig. Auch der folgende Band Aug. 49 – Apr 50 ist voll mit Genoveva-Widrigkeiten.
– Briefe Ihres Vaters: Nro 2866 und 2900 i. d. S. Sept. 43 – April 44. – Heisst nicht der Kritiker „DAS“ Schubring? Von dem steht einer seiner Dummheit und Unverschämtheit wegen interessanter Brief i. d. S. Dez. 50 bis Oct. 51., Nro 4267. Das will ein Schumannianer sein?
– In Nro 362 d. S. Febr. 36 – Decbr. 36 erzählt Nicolai eine nette Geschichte von einem szenischen Opernkomponisten u. s. w. – – Ich hoffe es doch noch zu erleben, daß ein Berufener alle die Quellen durchforscht, Unsereiner kann ja nur dilettantisch schmökern. Vor Allem aber müssen Sie sorgen, daß alles Material einmal in lesbarer Form vorliege. – –
Bezüglich eines Buches von Felix kommt es mir ja gar nicht auf den Inhalt an, sondern nur darauf, daß er es wirklich im Gebrauch gehabt – ich sagte gerade ein „Buch“ hätte ebensogut sagen können einen Stahlfederhalter, kurz ein äussres Zeichen, das mich an ihn erinnert, und das ich fortgebrauchen kann –. Im nächsten Conzert mache ich die 2te von Brahms. Das Adagio habe ich mir noch nicht zu eigen machen können, bleibe kalt dabei – ! Was sagen Sie dazu, daß Brahms die Duette – (Edward!!) Allgeyer gewidmet hat? Habe mich sehr für Allg. gefreut. Schade, daß das D-dur-Duett mit in die Sammlung aufgenommen worden ist! Das ist gar nicht seiner würdig! –
Werden Sie nun einige Zimmer oder gar einen ganzen Stock in Ihrem Hause vermiethen? Sie sprachen davon – ich würde aber doch sehr vorsichtig sein, lieber ein paar 100 Mark mehr ausgeben, aber Ruhe im Hause haben!
Hoffentlich lesen Sie zwischen diesen Zeilen alles Herzliche was ich für Sie denke; es wirklich auszusprechen, geht nicht an. Leben Sie wohl. Sein Sie mit den Ihren herzlich und treu gegrüsst von Ihrem
Hermann Levi.

München, 6.3.79.

Sonntag 15. hier Manfred. In der Woche vorher gehe ich nach Augsburg, um dem dortigen Orchester die Musik einzustudiren; die Aufführung auch zu dirigiren, habe ich abgelehnt. Possart wird gastiren. Der Director hat Sie wohl um Ihre Bedingungen gefragt?

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
789-792
 



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