19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 19894 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 13.11.1879
 

Liebe Frau Schumann!
Herzlichen Dank für Ihre freundlichen Geburtstagswünsche! Es ist mir am 7ten wieder viel Liebes von allen Seiten zugekommen, so daß der Schmerz über die Abwesenheit derer, von denen mich der Tod – oder auch das Leben – getrennt hat, wesentlich gelindert wurde. Meine 40 Jahre haben mir Mancherlei zu denken gegeben; bei dem Rückwärtsschauen mischten sich Reue, Leid mit dankbarer Freude, bei dem Vorwärtsschauen Furcht und Hoffnung zu einem allgemeinen wehmüthigen Gefühle zusammen; zu einer entschiedenen Lebensanschauung, sei sie pessimistisch oder optimistisch will es bei mir nicht kommen ich bin mir nur eines dunklen Dranges bewusst, dem ich folgen muß, ob ich will oder nicht, und von dem ich nicht weiß, wohin es mich führt (in Lenbach’s urwüchsige Sprache übersetzt würde es heißen: Der Mensch hat nicht, sondern wird gehabt.) Nur eines positiv Guten in meinem Leben bin ich mir bewusst: der Liebe meiner Freunde, und diese Liebe mir zu bewahren, rufe ich vor allem auch Sie an; bleiben Sie mir gut, wie ich Ihnen unwandelbar treu ergeben bin! Ich habe immer eine geheime Angst, daß Sie sich durch meine im Laufe der Zeit so sehr veränderten künstlerischen Ansichten allmählich von mir entfernen könnten; die sitzen nun freilich so fest wie nur ein religiöser Glaube sitzen kann, – aber die Religionen predigen ja andrerseits wieder Toleranz; werde ich mich dieser anderen Seite bis an das Ende der Tage erfreuen dürfen? Ich hoffe es von ganzem Herzen! – – – –
Die Sinfonie ist angekommen; ich habe mich bereits darüber hergemacht; wesentlich wird Nichts zu verändern sein, sie ist sehr correct.
– Nun sagen Sie mir aber, wie ist es mit Ihrem Hierherkommen? Das dritte Conzert – Ende November oder Anfang Dezember – jeder Tag ist mir Recht – ist und bleibt für Sie reservirt. Aber bald möchte ich Ihre definitive Zusage haben! Wir bleiben, denke ich, bei dem d-moll-Conzert und Solostücken. –
Hat Brahms noch nicht geantwortet? Doch Sie werden ja Kalbeck selbst sprechen. – –
Leben Sie wohl. Hoffentlich auf baldiges Wiedersehen! Viele Grüße an Frl. Marie.
Herzlich und getreulich
Ihr
Hermann Levi.

München 13.11.79.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
817f.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.