19.12.2019

Briefe



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ID: 19897 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 20.01.1880
 

Liebe Frau Schumann!
Herr Brissler ist ein sehr vernünftiger Mann! Die vielen Stichnoten sind nicht nur keine Hülfe, sondern sogar ein grosses Hinderniß für den Spieler. Wenn derselbe Herr Brissler die Mendelsohn’sche Stimme besorgt hat, so vertrauen Sie ihm ruhig die der B-dur Sinfonie an; die Orchesterspieler werden ihm dankbar sein, wenn er die Stimmen von diesem unnöthigen, nur verwirrenden Stichnoten-Ballast säubert. Härtels haben in dieser Beziehung oft zu viel gethan. Auch bei der Ausgabe der Beethoven’schen Sinfonien klagen die Musiker über die vielen kleinen Noten. In der Mendelsohn’schen Stimme sind mehr als genug Stichnoten. Wollen Sie, dass ich später noch eine Correctur der Stimmen mache,so bin ich gerne dazu bereit, wie zu Allem, was Sie mir auftragen. Aber ich glaube, es ist nicht nöthig. –
Waren Ihnen denn meine Bemerkungen zu der Sinfonie recht? Ich habe gar Nichts darüber gehört, so dass ich schon glaubte, ich hätte meine Sache ganz schlecht gemacht. – Für Ihren lieben Neujahrgruß herzlichen Dank. Am Weihnachts-Abend war ich, wie immer in den letzten Jahren, allein zu Hause. Der Sylvester-Abend dagegen war sehr belebt – der Markgraf von Bayreuth, wie Lenbach sagt, war hier mit Familie – –. Wie dieser Mann in alle Verhältnisse hereinspielt und die Leidenschaften erregt, habe ich kürzlich an mir auf schmerzhafte Weise erfahren. Mein alter Freund und Lehrer Lachner, dem ich nun seit 25 Jahren in Liebe und Dankbarkeit verbunden bin, hat sich von mir losgesagt, da „der Unterschied unser künstlerischen Anschauungen zu groß sei, als dass ein fernerer Verkehr möglich sein könnte“. Es ist mir lange kein Verlust so nahe gegangen, wie dieser. Und doch kann ich Nichts thun, um ihn abzuwenden. Nur möge es der letzte gewesen sein! Gedenken Sie dessen, was ich Ihnen in meinem letzten Brief über dieses Capitel andeutete – halten Sie fest!
– Am 18ten Februar ist unser erstes Fasten-Conzert. Möchten Sie doch kommen können! Soll ich mich nicht mit Abert in Verbindung setzen? Bitte vergessen Sie mich (als Conzertunternehmer) nicht ganz. Können Sie am 18ten nicht, so wählen Sie einen anderen Tag vor Palmsonntag. Aber kommen Sie!! Kommen Sie!! –
Sie haben Allgeyer durch Ihre theilnehmenden Zeilen eine grosse Wohlthat erwiesen. Es war ein furchtbarer Schlag für ihn und für uns Alle. Ich war in Nürnberg bei dem Begräbniß, fand Frau Feuerbach verhältnißmässig ruhig. Ihre Verhältnisse werden mit der Zeit wohl geordnet werden – einstweilen muß sie trachten, die nachgelassenen Bilder gut zu verkaufen, um ihren Verbindlichkeiten nachkommen zu können. Auch ein schönes Zeichen unsrer Zeit, dass solch ein Mann es mit 50 Jahren noch nicht so weit hat bringen können, schuldenfrei zu sein. Wäre Frau Berna gar nicht zu einem Kaufe zu bewegen? Ich will zwar Nichts gesagt haben, denn nach solchen Enttäuschungen möchte ich bei Frau Feuerbach Nichts mehr wagen, was nicht ganz sicher zu einem Resultate führt. – Brahms hat Allgeyer nicht geschrieben. –
Lenbach ist in Berlin, malt die Kronprinzlichen. Auch er hofft Sie bald hier zu sehen – um die letzte Hand anzulegen. In der Mendelsohnstimme, die anbei unter Kreuzband zurückfolgt, liegt Etwas über ihn, das Sie lachen machen wird. –
Geht Frank nach Hannover? –
Gestern haben wir eine neue Oper hier gehabt: Wieland der Schmid von Max Zenger, einem fürchterlichen Wagner-Feind, intimus von Lachner und Rheinberger, dem aber das Malheur passirt ist, dass seine Oper Wagnerisch ist von A–Z. – Bitte um baldige Nachricht wegen dem 18ten oder sonst einem ten im Februar oder März. –
Herzliche Grüsse an Ihre Damen. In Verehrung und Treue
immer Ihr
Hermann Levi.

20.1.80.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: [München]
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
818-821
 



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