15.07.2019

Briefe



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ID: 19899 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 13.02.1880
 

Liebe Frau Schumann!
Ich meinte das erste Trio 2/4 Takt. Entschuldigen Sie den Irrtum. – Wenn Sie selbst die Musiker bestimmen können, welche Ihnen bei der Revision helfen sollen, so werden Sie Härtel’s Vorschlag doch annehmen? Was mich betrifft, so mache ich für Sie herzlich gerne jede Arbeit, und ich bitte Sie anzunehmen, daß ich auch immer Zeit für Sie habe. Mit Härtel’s direct möchte ich dagegen nicht gerne in Verbindung treten. Wenn Manfred revidirt werden soll, so würde doch Pohl das Manuscript hergeben?
– – – Das „drum und dran“, welches Sie mir bei der Wagner’schen Klatschgeschichte verschwiegen, scheint mir die Hauptsache – jedoch kann ich mir gar nicht denken, was ausserdem noch passirt sein soll! Die einfache Thatsache ist die, daß ich mit Lenbach zusammen auf den Bahnhof gegangen bin, um unter den vorhandenen Salonwagen den bequemsten und best-zu heizenden auszusuchen. Wieviel der Wagen gekostet hat, weiß ich nicht; Wagner musste eben, wie Jedermann,12 Billete erster Classe bezahlen. Da es nun 11 Personen waren, so hatte er für die Mehrausgabe von einem Billet die grosse Annehmlichkeit, seine Familie in einem Raum zusammenzuhaben, und in denselben Wagen, ohne aussteigen zu müssen, direct bis Neapel fahren zu können. Solchen Luxus kann sich ein Mann, der jährlich etwa 80,000 Mark Tantièmen einnimmt, wohl gestatten. Nun bin ich aber immer noch sehr begierig auf das „drum und dran“!!
Lenbach lässt schönstens grüssen; er geht in 8 Tagen nach Berlin zurück, will dort ein paar Monate arbeiten, und als wohlhabender Mann zurückkommen, was ihm wohl auch gelingen wird, denn man reisst sich förmlich um ihn, und er kann für seine Bilder jeden Preis fordern.
Auf Hanslick’s enthusiastische Rezension hin habe ich mir Dvorak’s 3te slavische Rhapsodie kommen lassen, werde sie aber schwerlich aufführen. Das ist ja das Trivialste, was mir je vorgekommen, und solche Sachen werden in Wien von Publikum und Presse bejubelt! Ueberhaupt – meine Concertprogramme werden immer reactionärer; in der letzten Saison habe ich nicht eine Novität (für Orchester) gebracht! – Eine grosse Freude hatte ich kürzlich dadurch, daß ich für mein Orchester eine sehr bedeutende Zulage endlich erwirkt habe.
Nun sind die Leute doch wenigstens von Nahrungssorgen befreit. – Gestern hat Bülow hier die 5 letzten Sonaten von Beethoven gespielt. – Möchten Sie nicht, wenn Sie Ihre Sommer-Pläne feststellen, einen Aufenthalt hier in der Zeit vom 1 bis 23 Juli in das Programm aufnehmen? Da finden die Schauspiel-Mustervorstellungen statt, und auch in der Oper geben wir das Beste was wir haben: Don Juan, Zauberflöte, Euryanthe, Iphigenie, Tristan etc.
Mit herzlichen Grusse für sie Alle
in alter treuer Ergebenheit Ihr
Hermann Levi.

München 13.2.80.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 825ff.
 



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