19.12.2019

Briefe



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ID: 19903 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 30.07.1880
 

Liebe Frau Schumann!
Ihre Postkarte aus Partenkirchen habe ich erhalten. Der Eindruck, den Sie von dem Passionsspiele erhalten haben, scheint nicht gerade überwältigend gewesen zu sein? Am Ende begnüge ich mich damit, es mir in meiner Fantasie wunderschön vorzustellen, und werde mich sehr besinnen, eine Enttäuschung zu riskiren. Hoffentlich sind Sie nun an Ihrem Bestimmungsorte gut angekommen, und haben Alles nach Wunsch gefunden. Bitte schreiben Sie mir recht bald, daß Sie wohl sind und gut gestimmt. Ich habe mich hier schon sehr erholt; die letzten Tage in München war mir nämlich recht schlecht gewesen. In meinem ganzen Leben habe ich nicht solche Pein durchgemacht, als in der letzten Tannhäuser Vorstellung, die ich mit einer solchen Migräne dirigirte, daß mir Alles vor den Augen flimmerte und jeder Schlag mit dem Taktstocke eine Gehirnerschütterung zur Folge hatte. Ich weiß heute noch nicht, wie der Abend zu Ende ging; glücklicherweise sitzt gerade diese Oper so fest, daß sie zur Noth auch ohne Dirigenten gespielt werden kann. Hinterher hörte ich, sie sei ganz gut gegangen.
Ihrem Bruder konnte ich mich, eben meines Unwohlseins wegen, nicht so gefällig erweisen, wie ich es gerne gethan hätte. Er mag sich gewundert haben, daß ich im Zwischenakte gar nicht mit ihm sprach (er saß in der ersten Sperrsitz-Reihe), aber nach jedem Akte musste ich in mein Zimmer gehen und Compressen machen – . – Die Correctur der Sinfonie wird in einigen Tagen vollendet sein; ich arbeite täglich einige Stunden daran, denn ich will kein Nötchen unbesehen lassen. Aber Härtels werden einen grossen Schreibbrief von mir bekommen, den sie nicht hinter den Spiegel stecken werden. Herr Brissler erlaubt sich sehr ungehörige Aenderungen; fast alle seine Verbesserungen sind Verböserungen. Volkland und Frank sollten auch mithelfen, daß den Eingriffen Halt geboten werde. –
– Ich habe in 8 Tagen 3 Pfund zugenommen, aber das Gehirn scheint Nichts davon abzukriegen, denn so denkfaul war ich wohl nie; Schlafen, Essen, In der Hängematte-Liegen und Tarotspielen ist meine einzige Beschäftigung. –
Hoffentlich höre ich recht bald von Ihnen! Grüssen Sie Frl. Marie schönstens und sein Sie selbst in Treue gegrüsst
von Ihrem ergebensten
Hermann Levi.

Alexandersbad bei Wunsiedel

30.7.80.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
838f.
 



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