19.12.2019

Briefe



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ID: 19904 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 12.08.1880
 

Liebe Frau Schumann.
Herzlichen Dank für Ihren lieben Brief. Solche Freundeszeichen sind wahre Lichtflechten in dem öden Dunkel meiner hiesigen Existenz. Seit 14 Tagen haben wir keinen Sonnenschein gehabt, es ist zum Verzweifeln, und natürlich kann auch die Kur dabei nicht anschlagen; die Hängematte liegt müssig im Kasten; man vertreibt sich die Zeit mit Kartenspielen und Jammern über das Wetter, höchstens macht man einmal in einer der seltenen regenfreien Stunden einen Dauerlauf, um die erfrorenen Glieder zu erwärmen. Sie scheinen es besser zu haben, und ich gönne es Ihnen von Herzen. Was Sie mir von Ihrem nervösen Zustand in der ersten Zeit Ihrer Reise schrieben, hat mich sehr betrübt. Aber unternehmen Sie auch nicht zu viel? Sie wollen jetzt wieder nach Aussee, Ischl, Berchtesgaden? Ich kann mir nicht denken, daß es für Sie heilsam ist, sich stets wechselnden Eindrücken auszusetzen, hielte es für besser, Sie blieben an einem Ort, und langweilten sich recht. Bedenken Sie, daß Ihr grösster Feind Ihr – Thätigkeits-Trieb ist. Bei Ihrem lebendigen Geist, und der intensiven Art, mit der Sie Alles anfassen mag es freilich nicht leicht sein, sich das Faulenzen anzugewöhnen, aber Sie sollten doch suchen, in dieser grossen Kunst einige Fortschritte zu machen. Wie steht mir das Predigen, mir, der ich immer das Gegentheil von dem gethan habe, was mir heilsam hätte sein können? Dafür bin ich aber auch ein gebranntes Kind, und die Busse, die ich thun muß, möchte ich Andren ersparen. –
– Die Sinfonie ist schon vor Stunden an Härtels abgegangen. (Natürlich habe ich auch die Stimmen durchgesehen, und mit der Partitur collationirt). In Partitur und Stimmen waren noch Fehler genug. Härtel’s haben einen langmächtigen Brief von mir bekommen. Ich bin begierig ob und was sie antworten werden. Herrn Brissler’s Verbesserungen sind durchweg – Verböserungen. Hoffentlich thut mein Brief seinen gutgemeinten aber ungeschickten Willkührlichkeiten Einhalt; die alte Partitur ist viel besser als die neue. – Wissen Sie denn, daß Bargiel hier ist (nicht in der Wasserheilanstalt, sondern im Mineralbad.) Auch mit ihm habe ich viel über die Brissler’sche Angelegenheit gesprochen, und wir sind ganz einverstanden. Er erwartete einen Brief an ihn – ich glaube von Härtels – der an Ihre Adresse gegangen sein soll. Er schien erstaunt, da ich ihm mittheilte, daß ich die B-dur Sinfonie corrigirt habe; ich gab ihm als Grund meinen Besitz des Manuscriptes an, was ihn auch beruhigte. – Ob ich nach Ammergau gehen werde, weiß ich noch nicht. Ich habe förmliche Angst eine Desillusion zu erleben. Was mich im zweiten Theil der Passionsmusik immer so packt, daß ich Mühe habe mich zu erinnern, daß ich Takt schlagen muß, ist nicht allein das musikalische Kunstwerk, auch nicht der poetische, menschlich-rührende Vorgang, auch nicht Beides im Verein – es kommt noch etwas Andres hinzu, was ich Ihnen und mir nicht erklären kann; ich meine, dieses Andere müsse in Oberammergau erst recht mächtig zu mir sprechen, aber im günstigsten Fall würde eben ein Sehnen gestillt, und das was mir eigene Sache ist und das Glück einer befriedigten Liebe, so weiß ich noch nicht, ob ich nicht warten soll bis 1890, da ich all diesen Dingen hoffentlich etwas fester gegenübertreten werde, als jetzt –
Emma Guerrieri ist in Vahrn bei Brixen. Sollte dies in der Nähe von Schluderbach sein, so könnten Sie wohl einmal zusammenkommen? Die Arme ist von schwerer Krankheit eben genesen, von übermäßigem Genuß von Chinin noch halbblind – was sich aber wieder heben wird. – In Mannheim ist ein Herr Pauer zum Kapellmeister ernannt worden. – In München hat sich der Conflict Perfall-Possart dermaßen zugespitzt, daß Einer von Beiden gehen wird. Hoffentlich Possart, der dem Institute doch nur zweifelhaften Nutzen bringt. – Ich bleibe jedenfalls noch 14 Tage hier; die letzte Woche meines Urlaubs hatte ich eigentlich auch in Berchtesgaden oder sonstwo zu verbummeln vor; möchte gern Herzogenberg’s – (bitte dieses Pluralis-„s“ zu constatiren) wieder einmal sehen. Und Ihre Schilderungen Berchtesgaden’s vom vorigen Jahre haben mich sehr begierig gemacht. Aber dann muß es in diesen 14 Tagen noch bedeutend vorwärts gehen. –
Ich gebiete meiner höchst uncurgemässen Ausführlichkeit Halt. Allerherzlichste Grüße Ihnen Beiden.
Immer getreulich Ihr
Hermann Levi.

Alexandersbad 12.8.80

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
840ff.
 



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