15.07.2019

Briefe



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ID: 19906 Brieftext


Geschrieben am: 20.12.1880
 

Liebe Frau Schumann!
Die Härtel’sche Zuschrift habe ich erst vorgestern erhalten. Ich habe gleich geschrieben, daß ich mit Allem einverstanden bin, denn das Programm beruht ja ganz auf den von mir früher gemachten Ausstellungen und Vorschlägen. Nur in Bezug auf die Ordnung der Instrumente in den Partituren möchte ich noch bemerken, daß es mir praktischer und übersichtlicher erscheint, die Pauken nicht zwischen Trompeten und Posaunen, sondern zwischen Posaunen und Violinen zu setzen. Holzblasinstrumente, Blechinstrumente, Schlaginstrumente, Streichquartett; nicht aber wie Härtel’s vorschlagen: Hörner, Trompeten, Pauken, Posaunen.
Dies habe ich Härtels bereits geschriebenDie letzte Correctur der B-dur Sinfonie habe ich gleichfalls Härtels geschickt, hatte nur noch eine Stelle zu verändern (im Adagio, Bratsche) XXX statt XXX. Nun sieht die Partitur aber auch aus, daß ein Musikus seine Freude daran haben kann. Allen Respect vor Härtels, daß sie die Sache so ernst nehmen. Sie haben mir sehr nett und dankbar geschrieben. Nun möchte ich Ihnen nur noch wiederholen, daß ich für ähnliche Arbeiten (für Sie) immer Zeit habe, und daß es mir grosse Freude macht, Ihnen helfen zu können. Wenn Sie mir z. B. die andren Sinfonieen, nachdem Bargiel oder Volkmann sie corrigirt haben, schicken wollten, so könnte es doch sein, daß mein für solche Dinge ziemlich genau sehendes Auge noch Mancherlei fände. Bargiel und Volkmann brauchen davon Nichts zu wissen, und Härtels könnten instruirt werden, daß sie schweigen. Ich will damit kein Mißtrauen gegen Bargiel oder Volkmann aussprechen – aber 4 Augen sehen eben mehr als zwei. Daß in der B-dur Sinfonie keine Ungenauigkeit mehr ist, dafür stehe ich ein. Also denken Sie nie, der Levi hat keine Zeit vor lauter Wagnerei, sondern: der Levi ist ein alter guter und treuer Freund von mir, und thut mir, was ich von ihm verlange. – Von Frau Fiedler hörte ich immer von Ihnen; leider wieder Betrübendes. Daß Sie nie einmal hellen, ungetrübten Blickes in’s Leben hineinschauen können! Mich erfüllt immer wieder mit Staunen, wie kräftig Sie Alledem gegenüberstehen und daß Sie sich Ihre optimistische Lebens-Anschauung nicht rauben lassen. Bei mir setzt sich immer tiefer die Ueberzeugung fest, daß dieses Leben eine abscheuliche, niederträchtige Erfindung ist und daß nur die Kunst uns für Augenblicke aus diesem Jammer zu erlösen vermag, indem sie uns vergessen macht, daß wir – leben.
– Ich habe wieder schrecklich viel gearbeitet. Nun aber werde ich es mir endlich leichter machen können. Der frühere Kapellmeister in Mannheim Fischer hat vorgestern den Fidelio ganz vortrefflich dirigirt, und ist daraufhin (als zweiter) engagirt worden. Nun Adieu Meyerbeer, Auber, Verdi, Goldmark, Brüll und Consorten – Ihr seht mich nimmer wieder. Fischer ist mir sehr sympathisch; eine durchaus innerliche und ehrliche Natur, nur etwas ungeschliffen, bayrisch. Alle grossen und klassischen Werke habe ich mir natürlich vorbehalten. – Fiedler’s sehe ich sehr oft und habe sie sehr gern. Die Frau hat sich im Verlaufe der Jahre ungemein entwickelt. Sorgen Sie nur, daß Sie Ostern auch ein wenig Zeit haben, nicht gleich wieder fort müssen. Es wird Ihnen bei Fiedler’s ganz gewiß gemüthlich sein. –
Eine kolossale Freude hatte ich durch eine recht gelungene Aufführung der Missa solemnis, die ich zum erstenmale dirigirt habe. Ich habe vergeblich nach den „hässlichen“ Stellen gespäht. Höchstens könnte man die B-dur-Fuge et vitam venturi ungefüg nennen. Aber selbst da ist es ein trügerischer Riese, aber immer doch ein Riese. Im Uebrigen machen wir hier denselben Concert-Schlendrian wie anderwärts mit. Um das Geschrei nach „Novitäten“ verstummen zu machen, habe ich kürzlich eine Sinfonie von Raff „im Sommer“ aufgeführt und dazu noch eine Rhapsodie von Dvorak, bin aber mit beiden Sachen so gründlich durchgefallen, daß ich nun ein ganzes Jahr keine Novitäten mehr zu bringen brauche. Und Herr Hanslick preist solch ein Schandwerk wie die Rhapsodie von Dvorak als ein Kunstwerk! Raff gab weniger Anlaß zum Aerger, als zu unbändiger Langeweile, was vielleicht noch schlimmer ist. – Vorige Woche spielte Frau Essipoff zum erstenmale. Die Frau hat nur Finger, aber kein Rückgrat, hat mir einen widerlichen Eindruck gemacht. – Sehn Sie Dessoff zuweilen? Hat er noch keine Kur? Was macht der arme Koning?
Ist Dessoff nicht im Stande, dessen Stellung ein wenig zu verbessern, indem er ihm Arbeit erlässt? Denn so wie er es trieb, als ich in Frankfurt war, geht es doch nicht auf die Dauer. – Lenbach wird mit Weihnachten eine Pastell-Skizze von Ihnen für Dr. Fiedler fertig machen, mit welcher dieser seine Frau überraschen wird. Ist im Uebrigen der gleiche liebe Kerl. (Lenbach nämlich.) – Allgeyer glaubt auf dem Wege zu sein, Geld zu verdienen, mir aber ist immer noch nicht ganz behaglich, fürchte, daß er sich abermals verrechnet. – Den Bescheerungs-Abend werde ich wieder ganz allein zu Hause verbringen. Wenn Sie einmal zu mir herdenken wollen, so begegnen sich ganz gewiß unsre Gedanken . . . .
Viele herzliche Grüße an Frl. Professor Marie und Frl. Eugenie.
Immerdar getreu ergeben Ihr
Hermann Levi

20.12.80

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 844-847
 



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