19.12.2019

Briefe



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ID: 19909 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 01.10.1881
 

Liebe Frau Schumann!
Das ist etwas ganz Anderes: wenn Niemand davon weiß, als Sie, so übernehme ich die Arbeit sehr gerne; ich bin zu glücklich, wenn ich Ihnen einmal einen Dienst erweisen kann. Aber daß ich Härtel’s gegenüber Nein sagen musste, werden Sie begreifen. Die Sache war mir peinlich – Bargiel gegenüber. Jetzt aber, da ich es nur mit Ihnen zu thun habe, ist meine Stellung eine ganz andere. Vor Weihnachten kann ich freilich gar Nichts mehr übernehmen – ich habe bis dahin alle Hände voll zu thun; aber im Januar hoffe ich sicher Zeit zu finden. –
Abgemacht! – Ich habe mich in Helgoland sehr gut erholt; das Meer und ich haben uns sehr gefreut, uns wiederzusehen und haben die intimsten und nettesten Unterhaltungen mit einander gepflogen. Im Gebirge halte ich es allerhöchstens 8 Tage aus; dann werde ich melancholisch; die Berge drücken mir auf den Schädel, das fortwährende Aufwärtsschauen macht mir Genick-Weh, während das Meer mit seinem geheimnißvollen Rauschen, seinen unbegrenzten Horizont mir alle Sinne mächtig erregt. Nur am Meere habe ich wirklich welt-vergessende, d. h. glückliche Stunden verlebt. Doch darüber ist, als über eine Geschmacksache, nicht zu discutiren. –
Am 1. November fangen unsere Concerte wieder an. – Weiter sage ich Nichts. Solisten sind noch nicht engagirt. Lenbach fragt immer, ob Sie nicht wieder einmal hierherkämen, und ich muß immer betrübt die Achseln zucken! Erinnern Sie sich, daß es für letzte Ostern fast abgemacht war? – – –
Daß Ferdinand wieder in’s Geschäft eingetreten ist, freut mich sehr. Sie haben wohl gehört, welche harter Schlag unsere Familie getroffen hat; der Mann meiner Schwester in Paris ist ganz plötzlich gestorben; einer der höchsten Offiziere der Armee, an der Schwelle einer glänzenden Carrière, ein Herz wie Gold, ich habe nie eine glücklichere Ehe gesehen; meine arme Schwester ist tief zu beklagen; sie hat Alles verloren – (davon zu geschweigen, daß sie ganz mittellos ist). Mein Vater war im August noch in Paris gewesen, ganz glücklich von den dort gehabten Eindrücken kam er nach Gießen zurück, und fand die Todesnachricht, worauf er abermals nach Paris reiste. Mit 75 Jahren solche Erlebnisse zu überdauern, ist keine Kleinigkeit. Doch ist es ein Glück, daß schmerzhafte Eindrücke im Alter nicht mehr so sehr haften, wie in der Jugend. –
Die Welt ist wirklich ein recht miserabel eingerichtetes Ding, und wer sie ertragen will, muß entweder fromm sein oder – Pessimist. Heute hatte ich Probe von Oberon mit Wüllnerischen Recitativen. Bei den letzteren stehe ich wahre Qualen aus; dieses formlose Traummärchen zu einer „grossen“ Oper aufgebauscht, mit Wagnerischen Harmonien und Leitmotiven – es ist eine abscheuliche Geschmacksverirrung. Ich habe mir das Recht darüber zu schimpfen (was mir Bedürfnis ist) dadurch erworben, daß ich auch Wüllner gegenüber meine Ansicht gerade herausgesagt habe. – – –
Wie geht es Koning? Wenn ich dem nur helfen könnte! Dem geringsten Musiker hier muthe ich allerhöchstens 3 Abend-Dienste und 2 Proben wöchentlich zu. Aber Dessoff sollte auch ein Einsehen haben, ihn wenigstens von Proben möglichst befreien! – Was macht Stockhausen und seine Schule? – Wie haben Sie Ihren Geburtstag verbracht? Haben Sie der früheren in Baden verlebten (und damit auch meiner) ein wenig gedacht? War Frau Elise noch dabei? Was könnte man nicht noch Alles fragen –
Grüßen Sie die Frl. Professor und die Frl. Professorsstellvertreterin herzlich von mir.
In alter, treuer Anhänglichkeit
Ihr
Hermann Levi.

1.10.81

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
850ff.
 



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