15.07.2019

Briefe



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ID: 19917 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 30.12.1882
 

Liebe Frau Schumann.
Allerherzlichste Grüsse und Wünsche zum neuen Jahr! Möchte Ihnen dasselbe Segen bringen und Freude und möge mir das kleine Erkerplätzchen in Ihrem Herzen, das Sie mir bisher – trotz Alledem – etwa noch reservirt haben, auch fürderhin nicht gekündigt werden. „trotz Alledem“ – diese zwei Wörtchen gäben Stoff zu einem langen Briefe, ja zu einem dickleibigen Bande voll Kunstbetrachtungen – also da man in Sachen des Glaubens wohl reden, aber nicht beweisen noch überzeugen kann, so ist es wohl besser, ich führe dieses Thema „trotz Alledem“ nicht weiter aus, und warte, bis wir uns in 200 Jahren wieder sprechen. – Die Sylvesternacht werde ich wieder wie immer, allein zu Hause zubringen. Punkt 12 Uhr werde ich ein Glas auf Ihr und Ihrer Kinder Wohl leeren und mir dabei einbilden, auch Sie dächten zur gleichen Zeit zu mir herüber! – – – Warum haben Sie mich denn meines Amtes als Corrector ganz entsetzt? Mein Sorgenstuhl sagt mir doch, dass Sie nicht ganz unzufrieden mit mir waren? Manfred, Es-dur Sinfonie, Genoveva – da wäre mir doch vielleicht Mancherlei aufgefallen, was der Ausgabe zu Gute gekommen wäre? Ich habe immer Zeit dafür, und wenn ich keine hätte, so würde ich sie mir nehmen. –
Kürzlich hatte ich grosse Freude an einer sehr gelungenen und enthusiastisch aufgenommenen Aufführung der Es-dur Sinfonie. Warum dieses Werk in der Schätzung der Leute immer weit hinter den 3 anderen Sinfonien rangirt, ist mir eigentlich nicht begreiflich. Sicher liegt der Grund (wenn überhaupt einer gefunden ist) nur in der Instrumentation, nicht in dem musikalischen Inhalte. Und da muß ich Ihnen denn beichten, daß ich mich gar nicht genirt, sondern den Rotstift energisch habe walten lassen. Wenn Sie die Partitur ansehen, so werden Sie finden, daß niemals ein Instrument allein zu individueller Wirkung kommt, daß immer Alle zugleich streichen und blasen. (ich verweise z. B. auf das erste Trio des Scherzo XXX , welches durch die Instrumentation gänzlich seines duftigen Charakters entkleidet wird, auf den ganzen ersten Satz, auf viele Stellen im letzten) Dem glaube ich dadurch abgeholfen zu haben, daß ich hier das Streichquartett, dort die Bläser pausiren ließ, kurz, Licht und Schatten hineinbrachte. Ob ein Kapellmeister hiezu eine Recht hat – darüber lässt sich streiten. Der „Pietäts“-Standpunkt ist freilich viel tugendhafter, aber auch sehr viel bequemer. Meiner Ansicht nach ist der pietätlos, der die neunte Sinfonie buchstäblich so aufführt, wie sie geschrieben ist. Also ich bitte um Absolution. Und wenn Sie wieder einmal hierherkommen (wann???), werde ich Ihnen die Sinfonie vorspielen, und dann mögen Sie selbst urtheilen. –
Ich höre, daß Frau Elise bald nach Europa kommen und hier bleiben wird? Das ist ja eine grosse Freude für Sie! Werden sie in Frankfurt wohnen? – Frau Fiedler ist, glaube ich, etwas betroffen darüber, daß sie weder von Ihnen noch Frl. Eugenie Nachricht erhielt. – Haben Sie Fiedler’s Aufsatz über Parsifal gelesen? – Lenbach hat einige äusserst gelungene Bilder von mir gemacht. Anfang Januar wird er nach Rom gehen, wo er einen riesigen Palazzo gemiethet hat. Mir wird es sehr schwer, von ihm scheiden zu müssen; wir sind dicke Freunde geworden; ich habe ihn sehr lieb. –
Im Theater hat mir eine sehr hübsche Aufführung von Alfons und Estrella viel Spaß gemacht; jetzt bin ich mit dem Einstudiren einer unbekannten Marschner’schen Oper „König Hiarne“ beschäftigt, welche ich bearbeitet habe, und von der ich mir Erfolg verspreche. Leider kommt für den Konzertsaal nun Nichts Neues, Erfreuliches; man bewegt sich immer in den alten Gebieten. Nun nochmals, herzliches Prosit Neujahr Ihnen und Ihren Damen. Schreiben Sie mir wieder einmal! Und geben Sie mir Etwas zu Corrigiren! Und stellen Sie gar keine wehmüthige Betrachtungen an über das „Sonst und Jetzt“ (wie Sie mir zum 7. November schrieben) Ich fühle keinen Unterschied zwischen sonst und jetzt, sondern bin jetzt und immerdar
Ihr getreuer
Hermann Levi.

München 30.12.82.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 863-866
 

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