19.12.2019

Briefe



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ID: 19923 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 19.12.1883
 

Liebe Frau Schumann!
Vor allem lassen Sie mich Ihnen meine herzliche Freude darüber ausdrücken, daß Ihnen die Reise in Holland so viel Genuß und Vergnügen gebracht hat. Ich habe Berichte bekommen, wonach Ihre Aufnahme Alles übertreffen muß, was man dort je einem Menschenkinde an Liebes- und Ehrenbezeugungen angethan hat. Leider aber höre ich auch, daß sich Ihre Nervenschmerzen dort wieder gesteigert hätten. Wie ist es damit? Von Herzen wünsche ich baldige Genesung! Auch mit mir will es nicht vorwärts gehen; ich kann zwar meinen Dienst thun, aber Schreiben und Klavierspielen strengt mich sehr an.
Wirkliche Besserung erwarte ich erst von meinem 4-wöchentlichen Urlaub, den ich Mitte Januar antreten und in Italien verbringen werde. – Habe auch viel Kummer wieder gehabt; Sie haben gewiß von dem tragischen Ende der Frau v. Fleisch gehört! Ich war seit Jahren mit ihr befreundet! Der arme Lenbach ist furchtbar erschüttert, und ich fürchte, er wird nie mehr der Alte werden. Sollten Sie übrigens einmal hören, daß man Lenbach einen Vorwurf macht – der (übrigens inkorrect wiedergegebene) letzte Brief der Aermsten an L. lässt ja solche Schlüsse zu – so vertheidigen Sie ihn. Es trifft ihn kein Schatten von Schuld, und was ihn jetzt so niederdrückt, ist nur der Verlust, den er erlitten, und furchtbares Mitleid, nicht aber etwa die Erwägung, wie es hätte kommen können, wenn er anders gehandelt hätte!
Mary Fiedler hat sich an der Sache sehr gut benommen; sie war die einzige Frau hier, die den Muth hatte, Frau v. Fl. nicht fallen zu lassen, die einzige, die mehr in ihr gesehen hat, als eine „Comödiantin“. Wollen Sie nicht Lenbach ein Wort der Theilnahme schreiben? Er ist dessen sehr empfänglich und bedürftig!
– – Einliegend ein Brief von Glasenapp. Ich habe demselben kaum Etwas hinzuzufügen; Sie wissen, wie dankbar ich Ihnen wäre, wenn Sie Frau Wagner’s wirklich nicht unberechtigten Wunsch, wenigstens Abschriften der Briefe zu besitzen, erfüllen könnten! –
Miss Smyth hat sich, kaum hier angekommen, zu Bette legen müssen; Fiedler’s waren recht besorgt; heute geht es aber entschieden besser. Leben Sie wohl! Lassen Sie mich bald wissen, wie es Ihnen geht. Mit herzlichem Grusse an Ihre Damen
Ihr treu ergebener
Hermann Levi.

19.12.83.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
876ff.
 



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