23.11.2019

Briefe



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ID: 19924 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 02.07.1884
 

Liebe Frau Schumann!
Welche Schicksale Briefe haben, mögen sie [sic] aus einliegendem angefangenen entnehmen – ich wurde damals unterbrochen und er blieb liegen. – Gestern bin ich hier angekommen, habe heute schon 3 selige Stunden in der Hängematte verbracht. Vorgestern war ich in Heidelberg, um Professor Erb zu consultiren. Seine Diagnose lautete sehr beruhigend; das Uebel werde sich keinesfalls noch steigern; im schlimmsten Falle werde es so bleiben, wie es jetzt ist, – und das ist ja zu ertragen.
Ich soll eine electrische Kur probiren, aber für das einzig wirklich wirksame Heilmittel, erklärt er: Ruhe. Und die werde ich mir vom September ab verschaffen. –
Wenn der Parsifal vorüber ist, habe ich 3–4 Tage Pause, und die werde ich (wenn Sie Nichts dagegen haben) mit Ihnen verbringen. Bitte sagen Sie mir Ihre genaue Adresse, und wie man Sie von Berchtesgaden aus am leichtesten erreicht. – Letzten Sonntag sprach ich in München Ethel Smyth (Sie hörte auch den Fidelio) die mir zu meiner Freude erzählte, daß Frau v. Herzogenberg gesunder sei, als jemals.
Also auf Wiedersehen in 5 Wochen (am 11. oder 12. August.) Viel herzliche Grüße Ihren Damen. Hoffentlich ist bei Ferdinands Alles wieder in besserem Geleise?!
In alter treuer Freundschaft
Ihr
Hermann Levi.

Alexandersbad bei Wunsiedel. 2.7.84

Darf ich Sie an die Abschriften der Wagner’schen Briefe erinnern? Sie thuen wirklich ein gutes Werk, wenn Sie Frau Wagner diese Freude machen!!

[Beilage, Brieffragment 20. Juni 1884:]
Liebe Frau Schumann!
Es ist wirklich unverantwortlich, daß ich einen so lieben Brief wie den Ihren so lange unbeantwortet lassen konnte! Vergeben Sie mir, und ziehen Sie beileibe keine Schlüsse auf etwaige Veränderungen meinerseits – das ist Alles, was ich sagen kann, denn Entschuldigungen habe ich nicht und will ich nicht suchen.
– Um Ihnen gleich einen Abriß meines Lebensläufle’s seit Januar zu geben: ich bin, mit Ausnahme zweier Tage, die ich – zum Begräbniß der guten Rosette, in Mannheim zubrachte, immer hier gewesen, habe sehr viel gearbeitet; vier Wochen hindurch musste ich auch noch meinen kranken Collegen Fischer vertreten und viel schlechte Opern, die ich längst vergessen hatte, dirigiren, war dabei (und bin es noch) von eigenem Unwohlsein recht präoccupirt, jetzt habe ich noch bis zum 29. Juni hier zu thun, gehe dann auf 8 Tage nach Alexandersbad, von da bis zum 9. August nach Bayreuth, dann schliessen sich unmittelbar die hiesigen Wagner-Vorstellungen an, und erst am 1. September werde ich mir etwas Ruhe gönnen dürfen. Gescheiter wäre es freilich, wenn ich mir jetzt gleich Urlaub nähme und meinem geheimnißvollen Hand-Uebel etwas zu Leibe ginge, aber ich kann Bayreuth nicht im Stiche lassen, und da zudem die Aerzte weder den Grund des Leidens kennen, noch Etwas dagegen zu thun wissen, so lasse ich es einstweilen noch gehn, wie es geht; eine unmittelbare Gefahr ist nicht vorhanden. Wenn ich Ihnen noch ferner mitteile, daß mir Tante Rosette 80,000 M. hinterlassen hat, so wäre, glaube ich, was ich Ihnen über meine eigenen werthe Person mitzutheilen habe, erschöpft. –
Eine grosse Freude ist mir, daß Frau von Gleichenstein, die seit einem Jahre Wittwe geworden ist, mit ihren beiden Kindern hierhergezogen ist. Dort bin ich sehr viel, und fühle mich ganz wie zu Hause. Ihr Bruder Max Reizenstein wohnt seit 2 Monaten bei mir, im Herbst wird er seinen Abschied (als Offizier) nehmen und zu seiner Schwester ziehen; leider ist er zu schwächlich, um wieder dienen zu können. Zu Beiden stehe ich in brüderlich herzlichen Beziehungen, sie vergegenwärtigen mir eine schöne, ideale Vergangenheit, und ich bin sehr glücklich, sie hier zu haben. Mit Koning war ich hier zusammen. Der arme Kerl wird wenig von seiner Sommerfrische haben – hier wenigstens ist ein entsetzliches Wetter. Gestern Abend – nach der Walküre – philosophirte ich noch 2 Stunden mit Frank aus Hannover, aber ohne daß wir uns über irgend Etwas geeinigt hätten.

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort: Alexandersbad bei Wunsiedel
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 879-882
 



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