15.07.2019

Briefe



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ID: 19932 Brieftext


Geschrieben am: 23.05.1887
 

Liebe Frau Schumann!
Die d-moll-Sinfonie ist nicht bei mir; auch erinnere ich mich nicht, sie jemals von Ihnen gehabt zu haben. Wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, habe ich sie vor langen Jahren einmal bei Stockhausen (der sie von Kirchner hatte) gesehen. – Daß ich dafür Sorge getragen habe, daß das Manuskript der B-Dur Sinfonie Ihnen nach meinem Tode wieder zugestellt werde, habe ich Ihnen wohl früher bereits mitgetheilt, und damit hierüber keine Weitläufigkeiten entstehen, bitte ich Sie, einliegenden Zettel gut aufzuheben. –
Die traurigen Nachrichten Ihres letzten Briefes haben mich sehr betrübt. Wer, wie Sie, von frühster Jugend an so viel gestritten und gelitten hat, dem dürfte das Geschick wohl einen freundlicheren Lebensabend bescheeren!
Aber diese ganze Welt ist ja nur unsre Vorstellung: eine Ahnung von dem Wesen der Dinge kann uns (wenn Schopenhauer Recht hat) nur die Kunst gewähren, und so lange Sie sich vor allem Ungemach des Lebens in dieses Ihr ureigenstes Gebiet flüchten können, so lange werden Sie sich nicht unterkriegen lassen. Unsereiner kommt bei so schlimmen Familienereignissen fast in die Versuchung, das Alleinstehen zu preisen! – Sagen Sie, bitte Frau Elise, daß ich in herzlicher Theilnahme ihrer denke. Und möchte ich Sie Alle in diesem Sommer (ich hoffe noch im Juni) in ruhigerer, heitrerer Stimmung wiederfinden! –
Von mir ist nicht viel zu sagen. Ich habe persönlich mit Vielem abgeschlossen, und will auch durchaus Nichts mehr erleben. Aber in meinem Berufe habe ich nach wie vor viel Freude und Genügen, und da die Leute behaupten, daß Spuren des Alters oder des Rückganges noch nicht bei mir zu bemerken seien, so habe ich gar Nichts dagegen, wenn es noch eine Weile so fortgeht. Gute Musik, ein paar gute Freunde, ein paar gute Bücher – mehr verlange ich nicht. Daß mein Verhältniß zu Lenbach jetzt auf eine harte Probe gestellt werden wird, könnte mich bekümmern, wenn ich nicht die Zuversicht hätte, daß sein Wagniß gelingen werde. Ich kenne seine Braut, und den Verlauf seiner nun dreijährigen Beziehung zu ihr, und hoffe nicht nur, daß er glücklich werden wird, sondern auch, daß ich, wie ein altes Hausmöbel, mit in die Ehe übernommen werde.
Am 4ten reise ich zu L.’s Hochzeit nach Breslau, dann auf ein paar Tage nach Berlin, dann nach Bayreuth, und gegen Ende Juni hoffe ich Sie in Fft. zu sehen.
Herzlichen Gruß Ihnen und Ihren Kindern von Ihrem getreuesten
Hermann Levi.

23.5.87

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absender-Institution:
  Absender Ort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 894ff.
 



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