19.12.2019

Briefe



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ID: 19933 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 16.11.1887
 

Liebe Frau Schumann!
Haben Sie herzlichen Dank, daß Sie selbst in der Fremde, inmitten aller Sorgen und Zerstreuungen des Conzertirens meines Geburtstages gedacht haben!
Gerne hörte ich wieder einmal von Ihnen. Unser letztes Zusammensein war gar wenig gemüthlich. Einerseits meine Praeoccupation, die Sie aber gewiß begreifen und daher entschuldigen werden, andererseits Ihre schweren Sorgen… Seitdem habe ich von Mary Fiedler gehört, daß es mit Ferdinand besser gehe, aber ich fürchte, dies ist eben nur ein relatives „Besser“? Ich muß sehr viel an Sie denken und an Ihre bekümmerten Züge, die sich während Ihrer ganzen Anwesenheit hier kaum zu einem Lächeln bewegen lassen wollten. Senden Sie mir doch von Zeit zu Zeit eine Postkarte mit einem kurzen Bulletin! –
Mir geht es gut. Mein Geburtstag hat mir ausser vielen lieben Freundeszeichen, ein sehr schönes Geschenk gebracht: das glückliche Aufhören eines heftigen Krampfhustens, der mich den ganzen October geplagt hatte. Ich glaubte schon, ich werde nach dem Süden gehen müssen. –
Heute Abend führe ich die Ouvertüre Braut v. Messina auf. Wird dieses Werk nicht eigentlich unterschätzt? Für meinen Geschmack rangirt es durchaus nicht weit hinter der Genoveva-Ouverture. Nur in der Instrumentation möchte man manchmal einen helleren Klang, die Geigen berühren kaum jemals die E-Saite. Am 28ten führt Boch in Heidelberg die Es-dur Sinfonie auf, und ersuchte mich um Partitur und Stimmen. Bei der Durchsicht der ersteren fielen mir die Aenderungen in der Instrumentation wieder auf, die ich für unsere Aufführung vor 2 Jahren gemacht hatte, und von den ich glaube, daß sie ganz gut sind. Wenn Müller eine Aufführung vorhätte, würde ich Ihnen vorschlagen, ihm meine Partitur zur Ansicht zu geben? Oder fänden Sie, gleich Joachim, dem ich davon sprach, daß man dergleichen nicht thun darf?
Ich meinestheils genire mich in dieser Beziehung auch bei Beethoven nicht im geringsten, und glaube, daß der Dirigent, welcher z. B. bei der neunten einzelnen Stellen durch Aenderung der Instrumentation zu ihrer Wirkung verhilft, viel pietätvoller handelt, als derjenige, welcher sich aus mißverstandenem Ehrfurchts-Gefühl genau an die Vorschrift bindet.
Herzogenberg ist heute in die Stadt gezogen, bleibt den Winter hier. (Hess-Strasse 30.) Er ist noch in derselben Verfassung wie vor 2 Monaten, doch geben die Aerzte Hoffnung. Eine unmittelbare Gefahr liegt jedenfalls nicht vor. –
Nochmals vielen Dank für die Depesche! Und herzlichen Gruß von Ihrem alten,
treu ergebenen
Hermann Levi.

München. 16.11.87.

Viele Grüße den beiden Damen!

  Absender: Levi, Hermann (941)
  Absendeort:
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
896ff.
 



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