19.12.2019

Briefe



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ID: 20618 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 26.11.1893
 

Frankfurt a/M d. 26 Nov. 1893

Lieber Herr Scholz,

Sie irren sehr, wenn Sie glauben, ich hätte irgend welchen Einfluß auf Frau Bertuch, ich erfuhr erst von deren Reise mit Ihrer Schwiegertochter, als Diese vorüber war. Eine Feindseligkeit, seitens Frau Bertuchs gegen Ihren Sohn, kann ich nicht darin sehen, wenn sie als Freundin die Mutter begleitete um ihre Kinder zu sehen. Ich muß Ihnen aber überhaupt sagen, daß ich es mir stets zum Princip gemacht, mich nicht unaufgefordert in Familien-Zwiste zu mischen. Man hat ja kein klares Urtheil, wenn man nicht Alles mit erlebt hat. Hier aber liegt allerdings eine Thatsache vor, die sehr gegen Ihren Sohn spricht. Daß er der Mutter die Kinder fortgenommen, und deren Aufenthalt verheimlicht, ohne daß Diese sich irgend welcher Versäumniß ihrer Mutterpflichten schuldig gemacht, das ist entsetzlich, es ist das grausamste, was geschehen konnte – man würde über die schlimmste Verbrecherin nicht härtere Strafe verhängen können. Das müssen Sie und Ihre Frau, selbst Mutter, doch empfinden, und <>darf ich reden, wie mein Gefühl es mir eingiebt, ich würde Sie bitten, veranlassen Sie Ihren Sohn der Mutter die Kinder zurückzugeben, auf die alle häuslichen Zwiste nicht so tiefen Eindruck machen können, als solch gewaltsame Trennung von der Mutter. Ihr Sohn kann doch, hat er die Frau je geliebt, sie nicht vernichten wollen. Es ist gewiß nur eine leidenschaftliche Handlung, und, ein Zurückgehen würde ihm nur zum Nutzen gereichen der Welt gegenüber, die darüber härter urtheilt, als Sie es ahnen mögen. Daß ich dies so offen sage, daraus können Sie nur die warme Theilnahme erkennen, mit der ich bin
Ihre
alt ergebene
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Scholz, Bernhard (1392)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 16
Robert und Clara Schumanns mit Bernhard Scholz und anderen Korrespondenten in Frankfurt am Main / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Anselm Eber / Dohr / Erschienen: 2020
ISBN: 978-3-86846-027-8
294f.
 



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