25.02.2022

Briefe



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ID: 20676
Geschrieben am: Montag 30.05.1859
 

London d. 30 Mai 1859.
30 Upper Glovester Place. Dorset Square
Lieber Herr Kirchner
haben Sie Dank für Ihren freundlichen Brief, endlich! lieber wäre es mir freilich gewesen, es hätte nicht eher der Stöße von außen bedurft. Doch leider muß man sich, je älter man wird, immer mehr daran gewöhnen für Aufmerksamkeiten Vernachlässigungen zu erfahren, und namentlich mache auch ich häufig die Erfahrung, weil ich so gern Menschen, die mir werth sind erfreue, und dann, ohne erst zu überlegen thue, wozu das Herz mich drängt! –
Oft habe ich es schon versucht mich in diesem Punkte zu ändern, es geht aber nicht, es ist mir Lebensbedürfnis! Doch, es ließe sich da Manches noch sagen und das würde mich zu weit führen. Ich freue mich eben doch, daß ich einmal wieder von Ihnen gehört habe. Aber Ihre mir Empfohlene habe ich noch mit keinem Auge gesehen. Herr Ziegler hat mich 2 mal verfehlt, dann kam er ein Mal eine Stunde später als ich ihm angegeben hatte – hier aber hat jede halbe Stunde ihre Bestimmung. Von der Dame, die Sie so reizend schildern, hörte ich noch garnichts, vielleicht kommt sie noch. Leider muß ich meinen Plan, in der Schweiz einige Monate zuzubringen, aufgeben. Die Saison hier ist zu schlecht, ich gefalle wohl genug, verdiene aber Nichts, werde aber gerade auf meine Kosten kommen, dann ist der unglückliche Krieg, wo ein Jeder sein Geld zusammen hält, soll ich nun da so viel für meine Vergnügungen verwenden? Ich habe nun so ziemlich fest beschlossen erst nach Wiesbaden zu gehen, ohngefähr Mitte Juni, dort 5 Wochen zu bleiben und dann suche ich mir ein Plätzchen am Rhein, wo ich ganz still mit meinen Kindern lebe und fleißig studiere. Schön wäre es, besuchten Sie mich da einmal aber nur ja nicht in Wiesbaden – das ist zu gefährlich!!! – –
Was Sie mir von Leipzig schrieben, interessiert mich sehr, ich wußte von Nichts, es thut mir aber leid, daß mein Robert immer herhalten muß, das Gebäude der Zukünftler zu stürzen! – Ich habe Joachim und Stockhausen Ihre Grüße gebracht, Beide erwiedern sie freundlichst. – Sie irren aber sehr, wenn Sie glauben es müsse mir jetzt besser hier in England gefallen, im Gegenteil, mein Wiederwille ist dies mal schrecklicher denn je. Sie haben gar keinen Begriff, wie hier die Kunst herabgezogen wird, sie ist um kein Haar besser als das Handwerk, und die Unkenntniß des Publikum’s ganz unglaublich.
Die Leute haben für das Schlechteste wie für das Beste denselben Ausdruck. Was ich aber moralisch darunter leide kann ich Niemand schreiben, denn die Kunst ist mir das Heiligste, ich kann sie durchaus nicht gleichgültig ansehen. Freilich sollte ich wohl hier den Umstand zu Hülfe nehmen und mich in’s Unvermeidliche fügen, doch lieber gehe ich, warum soll ich mir rauben, was im Leben doch das einzig Wahre ist. Ich gehe also, und zwar am 11. Juni.
Ihr Plan die Skizzen etc zu arrangieren scheint mir sehr gut, führen Sie ihn doch aus und recht bald, vielleicht spielen wir die Sachen dann bald mal! Vom Quartett und Trio wußte ich noch nichts von wem haben Sie das Quartett bezogen? Das zu wissen interessiert mich sehr, es ist nämlich damit eine abscheuliche Geschichte vorgefallen: Ist es das Arrangement von Brahms, welches Sie haben? von Arnold? Bitten Sie doch Herr [sic] Rieter, daß er mir die Präludien nach Düsseldorf schickt, dorthin gehe ich von hier aus und bleibe wohl 8 Tage.
Bald hätte ich aber vergessen Ihnen zu erzählen von den herrlichen Oratorien, die man hier hört! Das ist wirklich großartig, oft ganz überwältigend, die Orgel und der ungeheure Chor in Eolter Hall; in Deutschland hat man von solcher Wirkung keinen Begriff. Leider hat nun der Director jetzt überall in alle Händelschen Oratorien was dazu gesetzt, was oft schrecklich wiederlich ist. Wieder ein Beweis ist das wie man kein Mittel scheut, dem Publikum immer einen neuen Reiz mehr zu bieten. Nun schließe ich aber, seien Sie freundlichst gegrüßt von Ihrer
Clara Schumann.
(Grüße an Rieter’s)


  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: London
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
69-73

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 9–12, Nr. 5.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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