25.02.2022

Briefe



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ID: 20682
Geschrieben am: Montag 18.08.1862
 


Rigi-Kaltbad. 18 Aug. 1862.
Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, lieber Freund, daß Sie bei Ihrer Rückkehr nach Winterthur keinen Dankbrief von mir vorfanden.
Wir alle nahmen Ihre Depesche für eine Anmeldung Ihrer Selbst, und verstanden unter dem Sommermoll – (Sonnenvoll[)] Rigi, wie Sie ihn verlassen. Wohl dachte ich auch oder glaubte lieber an das andere und ließ es mir daher auch gern einreden! Nachdem Sie nun gestern nicht angelangt, hatte ich mich diesen Morgen eben hingesetzt Ihnen zu schreiben, da kam Ihr Brief, mit ihm Gewißheit! bevor ich ihn aber beantworte, muß ich Ihnen erst mal die Hand herzlich drücken. Am Donnerstag (Eu-sebius) von Scheideck zurückkehrend fand ich das Geschenk mit Ihren lieben Worten und war freudig überrascht, daß Sie meiner gerade an dem Tage gedacht! Am liebsten hätte ich Ihnen meinen Dank gleich telegraphirt aber wohin? – Der Tag in Vevey muß himmlisch gewesen sein! wie gern wäre ich dabei gewesen. Wie glücklich sind doch die Leute, die ihren Freunden solche Genüsse verschaffen können!
Hier haben wir schreckliche Tage jetzt verlebt, seit dem Donnerstag wo es auch hier wunderschön war, ein Regenguß nach dem Andern, durchdringende Kälte, dazu sind Schnoors zwei Tage nach Ihnen fort, ferner H. u. Fr. Lazarus, die ich sehr gern hatte, fort sind, am liebsten ginge ich auch! Das Vernünftigste wird freilich sein, ich halte aus, denn wo soll ich hin? – Wie gern veranlaßte ich Sie abermals zum Heraufkommen, aber ich mache mir so viele Scrupel, es kostet doch Ihnen viel mehr als wenn Sie in Winterthur leben u nun gar in Wipp! So ist’s auch mit der Tour in’s Berner Oberland. Ja, könnte ich wie Riggenbachs Sie einladen, Ihnen allen Comfort bieten, wie Sie ihn durch diese gewohnt sind, dann könnte ich Sie recht herzlich bitten zu kommen, so aber ist mir immer, als müßte ich jede Bitte als ein Unrecht gleich wieder zurück nehmen. Schön wäre es freilich, kämen Sie von Luzern, was Sie ja annehmen müssen noch herauf! ich gehe dann mit hinunter, höre das Concert an, und Weiteres besprechen wir dann mündlich. Eine große Frage ist es ob das Wetter noch mal so warm wird um eine Tour machen zu können.
Schreiben Sie mir bald was Sie beschließen, wann Sie herauf kommen. Das Andere erhielt ich u danke sehr dafür.
Hätte ich nur ein Klavier auf meinem Zimmer, ein gutes u einen Freund, einen echten Musikanten zur Seite, das ist meine Gemüthlichkeit, dann halte ich überall aus! Die Natur selbst im Sonnenschein, kann mir das nicht ersetzen, im Gegenteil, je größer und schöner diese, je mehr erhöht sie noch dies Verlangen in mir – im musicieren macht sich dann das von der Natur warm erfüllte Herz am schönsten Luft. Aber nur in der Einsamkeit, nicht vor Leuten. Stockhausen ist heute vom Comersee gekommen zurückgekehrt, er grüßt Sie schönstens auch meine Kinder, zumeist aber ich,
Ihre herzlich ergebene Clara Schumann.




  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Rigi-Kaltbad
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
103ff.

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 37–39, Nr. 16.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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