25.02.2022

Briefe



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ID: 20687
Geschrieben am: Freitag 10.10.1862
 


Guebweiler d. 10 October. 1862.
Heute weiß ich doch wieder kaum, wo anfangen mit Allem, was ich Ihnen, lieber Freund, zu sagen, es geht Alles kreuz u quer durcheinander. Gestern wurde plötzlich das Concert in Colmar auf den 18ten verlegt, daher meine heutige Depesche an Riggenbachs, jetzt, diesen Augenblick ist wieder Alles anders bestimmt, und ich bin wieder für Sie am 16ten bereit. Das Concert in Colmar soll gar nicht stattfinden, weil es zu ungünstige Zeit ist. In Basel habe ich verzichtet, aus verschiedenen Gründen, die ich Ihnen mündlich sagen werde. Ihr Concert in Winterthur dürfen Sie nicht wegen eines Solo’s aufgeben – wollen Sie entschieden nicht spielen, so thue ich es, sagen Sie nur was? leiht Rieter uns sein Clavier nicht? Eins von Küne dazu, dann haben wir ja 2 Instrumente! Und wie steht es mit St Gallen? Lassen Sie uns doch meine freie Zeit benutzen, scheuen Sie nicht ein bischen Mühe! ich wäre so herzlich froh könnte ich Ihnen einmal einen Gefallen thun! – Für Ihren gestrigen Brief will ich Ihnen aber jetzt danken, obgleich es mir weh gethan, daß Sie mir kein Wort vom Quintett geschrieben, hätten Sie mir nicht sagen können, wie schön es gegangen? Das hätte ich wahrlich beanspruchen können, schon für mein Gedenken Ihrer am Dienstag Abend. Wissen Sie nicht, daß von einem Freunde Einem das geringste interessiert, und nun dies! jetzt muß ich von einem andern hören, was mich von Ihnen selbst so viel mehr noch gefreut hätte. Ich würde Ihnen z. B. ohne Scheu erzählen, daß ich in Mühlhausen die f moll Sonate von Brahms so schön gespielt habe, daß ich gewünscht hätte, Sie hätten sie gehört, ich hätte zugleich meine Ehre gerettet vor Ihnen von Zürich her. Das Mißlingen dort hatte mich so niedergeschmettert, daß ich sie seitdem nicht wieder gespielt, es quälte mich aber immer, u so nahm ich mir vor, sie in Mühlhausen zu spielen und mit festem Willen der Entmuthigung entgegen zu treten, u es gelang. Dann haben Sie mir auch nicht erzählt, daß man op 95 gespielt, dachten Sie dabei gar nicht mal an mich? – Das kann ich nicht glauben.
Dann hörte ich, Sie seien von Ihrem Freund überrascht worden und nach dem Concert so lustig noch zusammen gewesen, u Sie mir nach so glücklich verlaufenem Tage so trübselig schreiben? Warum lieber Freund? – Bitte sagen Sie mir bald, wie Sie Alles einrichten wollen.
Ich hörte Trautmann sei bei Ihnen u Sie könnten keine paar Tage mehr fort. Können Sie mich also von Winterthur nicht nach Basel begleiten? In diesem Falle richten Sie es so ein, daß ich einige Tage vorher bei Riggenbachs bleibe, mein Versprechen muß ich halten, nachher, wenn wir erst wieder in Winterthur zusammen sind, wäre es mir gar zu schwer, noch allein in Basel zu bleiben. Können Sie aber noch einen Tag mitgehen, so geben Sie erst das Concert u dann gehen wir nach Basel, dann sind Sie auch ruhiger. Man wartet auf mich zu einer Parthie, zu der ich mich den Kindern zur Liebe entschließen mußte; darum so eilig. Schreiben Sie bald, ich sehne mich nach Gewißheit in Allem.
Sie haben mir auch manches in meinem letzten Brief noch zu beantworten.
Getreu, Ihre Freundin
Clara Schumann.




  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Guebweiler
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
120ff.

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 57–60, Nr. 21.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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