25.02.2022

Briefe



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ID: 20689
Geschrieben am: Dienstag 28.10.1862 bis: 29.10.1862
 


Carlsruhe 28 October 1862 Abends.
Mein lieber Freund!
Einen Gruß nach Ihrem Sommermoll wollte ich Ihnen doch so gern bald senden, ein freudiger ist es freilich nicht, Ihnen aber dennoch lieb, das weiß ich! Sie haben jetzt schon meine Depesche erhalten, ich wollte nicht, daß Sie mir vielleicht hierher schrieben, wenn ich schon fort sei, darum telegraphirte ich! Ich kann aber nicht nach Baden, nicht hier bleiben, muß zu meiner Freundin, vielleicht wird mir dort wieder wohler, ich fühle mich wirklich so angegriffen, daß mich das Alleinsein ängstigt. –
Ich habe die Reise in dem Coupeé ganz allein gemacht – es war recht traurig –
Denken Sie Berge hoch doch erst als wir nach Oos kamen, ich hatte garnicht daran gedacht.
Hier wurde ich aufs freundlichste empfangen aber, mit einem tiefen Schmerz kann man nur allein, oder, bei seinen besten Freunden sein. Ich wollte, ich hätte es Ihnen sagen können, was Alles so mächtig mir durch die Seele zog diese letzte Zeit, Sie fänden es gerechtfertigt wenn ich mich einigemale recht schwach zeigte.
Wie mag es Ihnen gehen? – ich hoffe ich höre bald daß Sie glücklich in Winterthur angelangt sind und mit frischem Muthe Ihrem neuen Aufenthalte entgegen gehen. Ist mal der erste schwere Schritt gethan, dann wird gewiß nachher Alles leichter – sollten denn so viele gute Wünsche wie ich für Sie im Herzen trage, gar nichts helfen? Könnte ich Ihnen nur bei der Geschichte so einige materielle Sorgen abnehmen und Ihnen Muth zusprechen wenn Mißmuth Sie überfällt. Leben Sie sich nur nicht erst in Winterthur wieder ein, sondern packen Sie schnell Ihre sieben Sachen. Dabei fällt mir ein, daß Sie nun auch noch für mich die sieben Sachen mit nach Zürich nehmen müssen. Sie haben es doch nicht vergessen, daß Sie sie mir geschenkt haben? wie wäre es, wenn Sie sie, um die Mühe des Transports nicht zu haben, sie an Rieter zur Aufbewahrung geben? ich schreibe dann, sobald ich nach Baden komme an ihn, daß er sie mir schickt. – Dann haben Sie auch nicht das Einpacken zu besorgen.
Ich habe Ihnen eigentlich für das Geschenk gar nicht so gedankt, wie es mich freute, das machte aber der Kampf mit der Bescheidenheit, der jetzt glücklich überwunden.
Sie können denken, wie todmüde ich bin, ach käme mir nur erst wieder Muth! morgen reise ich nun wieder allein von früh 7. Abends 9 Uhr, wie schwer ist das. – Leben Sie wohl theurer Freund, gedenken Sie Ihrer
Clara Schumann
Mittwoch Morgen. Eben will ich fort – ich nehme diese Zeilen mit, kann sie aber deshalb nicht frankieren, weil keine Zeit ist zur Post.



  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Carlsruhe
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
127ff.

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 65–67, Nr. 23.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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