25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 20693
Geschrieben am: Mittwoch 26.11.1862
 

Hamburg d. 26 Nov. 62.
Wirklich nur einen Gruß kann ich Ihnen heute senden, mein lieber Freund, und beantwortete doch so gern Ihren letzten lieben langen Brief recht ordentlich! – Ich bin aber erst vorgestern Abend von Hannover, wo ich mit Stockhausen Hofconcert hatte, zurückgekehrt, hatte gestern Concert, und morgen ist das zweite, dabei sind die Anforderungen von allen Seiten an mich endlos. –
Jeden soll man einmal besuchen, bei Jedem einen Mittag oder Abend zubringen, dann die endlose Correspondence wegen Engagements – Programms, Bitten, Danksagungen und schließlich – ist da noch ein ungestümer Freund, der womöglich die Stunde bestimmt, wo er einen Brief haben muß! Aber im Ernst Lieber thun Sie das nicht mehr, ich kann es wirklich oft mit dem besten Willen nicht einrichten, und wie peinigend dann für mich, wenn ich weiß, daß Sie vergeblich warten! ich bin heute früher aufgestanden um Ihnen vor dem Frühstück zu schreiben, denn nachher würde es für den ganzen Tag nicht mehr möglich sein. Aber was kann ich Ihnen in der kurz zugemessenen Zeit sagen? – wie Vieles nicht was ich möchte, und doch auf dem Herzen habe. Ich muß mir die Beantwortung Ihres Briefes vorbehalten – er war mir ein lieber Empfang heute hier! Beklagen können Sie mich wohl wegen der Strapazen die jetzt sind, es war die letzten Reisen so kalt, daß ich ganz und gar durchfror, trotz aller Decken etc. und die Concerte folgen jetzt so schnell, was mir viel schwerer jetzt wird als früher, weil die Abspannung immer so groß ist, und ich mich den Tag nach dem Concert meist so matt fühle, daß ich da gar nicht spielen kann und es doch erzwingen muß weil den nächsten Tag schon wieder Concert habe.
Gestern spielte ich Brahms Variationen, die ein’s der anstrengensten [sic] Stücke, die ich habe sind. Das Publikum verstand natürlich nichts davon und so wurde mir von dieser Seite keinen Dank – vom Componisten habe ich auch keinen – also nur das Bewußtsein, das beste gewollt zu haben, und Gott sei Dank, mit der Liebe zur Sache kommt Einem doch die Befriedigung, ob sie auch dasitzen, wie die Stöcke. –
Diese Zeilen müssen fort, sonst erhalten Sie sie nicht mehr in Basel; ich adressiere wie Sie es wollen, aber warum nicht direct? – brauchen wir ein Geheimnis aus unserer Freundschaft gegen Frau Riggenbach zu machen? kennen wir uns nicht viel länger schon als Frau Riggenbach Sie? – und abgesehen davon und manchem andern noch, wäre die Kunst nicht allein schon ein Band, das zu einem innigen Verkehr berechtigen könnte? – Sie sollten das Frau R. einmal erklären! –
Ihr nächster Brief findet mich in Leipzig – möchte er recht bald kommen – Aber, bitte kommen Sie Selbst nicht, sparen Sie das Geld und besuchen mich dann so viel länger in Baden, wo ich mir das Zusammensein so schön denke, und dann um so schöner, wenn ich weiß, daß Sie kein gar zu großes Opfer bringen. In Leipzig hätte ich auch gar wenig von Ihnen, denn dort werde ich von alten Bekannten förmlich belagert von früh bis Abend.
Lesen Sie recht viel Gutes, Herzliches noch zwischen den Zeilen, mein Lieber, nun noch ein Lebewohl von
Ihrer Cl. Schumann
Adr. Leipzig bei Professor Frege vom 1–13 Dec. dort.





  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Hamburg
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Basel
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
144ff.

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 1, S. 91–94, Nr. 27.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.