25.02.2022

Briefe



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ID: 20696
Geschrieben am: Sonntag 21.12.1862
 

Berlin d. 21. December 1862. Sonntag morgen
Endlich kam Ihr Brief, lieber Freund! Eben diesen Augenblick erhielt ich ihn von Breslau, welches ich früher verlassen, als ich erst wollte, nachgeschickt. Ich hatte eben 2 Seiten recht betrübt an Sie geschrieben, wollte Ihnen doch am Weihnachtstag ein lebendiges Zeichen meines Gedenkens senden, die zerreiße ich jetzt natürlich und fange nun wieder an mit einem frohen Händedruck für Ihre lieben beruhigenden Worte. Ach ja, mein geliebter Freund, halten Sie fest daran, daß Niemand Besseres für Sie auf dem Herzen trägt, Niemand Sie so lieb hat wie ich. Könnte ich nur etwas thun für Sie, Sie glücklicher zu sehn! und wie schrecklich leid thut es mir, daß Sie sich so ungemüthlich in der Wohnung fühlen! Erinnern Sie sich wohl, ich sagte Ihnen gleich, daß mir das Logis zu dunkel und kalt erschien. Machen Sie so bald als möglich da herauszukommen, denn frieren dürfen Sie nicht daraus entstehen dann allerlei Leiden. Könnten Sie nicht da in der Gegend eine Wohnung finden, wo R. Volkart wohnt? – nach dem Fluß die Aussicht oder etwas höher gegen Hühn’s zu? – da ist es so schön und ein freundlicher Blick von außen erfrischt doch momentan das Herz, und das brauchen Sie. Könnte ich doch mit Ihnen suchen, ich glaube, ich fände bald comfortabeles für Sie. Und sonst, die andern Verhältnisse betreffend, verlieren Sie nicht den Muth, es kommt gewiß besser, und, wenn Sie nach Baden kommen da wollen wir mal überlegen, was anderes zu thun wäre, vielleicht kann ich Ihnen für den nächsten Winter zu Anderen behilflich sein – wir sprechen darüber. Aber, bitte, freuen Sie sich ein wenig auf Baden, warum soll es nächsten Sommer nicht wieder so schön werden? Sie bleiben dann so lange als möglich bei mir, wir musicieren, arbeiten zusammen, gehen spazieren, und stört uns einmal der eine oder andere Besuch, nun so genießen wir doch sicherlich auch manche trauliche Stunde zusammen, und ich denke was Ihnen jetzt bei dem ewigen Stundengeben, unmöglich ist, das realisiert sich vielleicht dann dort. Die schöne Natur, Freiheit, Luft und Licht, und die treueste Freundin zur Seite, sollte da nicht auch mal wieder die Seele zu eigenen Schaffen drängen? – ich freue mich nun gerade so sehr auf die Zeit in Baden mit Ihnen, thäten Sie es doch auch!
Daß Sie jetzt nichts schaffen können, kann ich mir sehr gut denken, machen Sie sich deshalb keine Gedanken, so innig mich auch eine Composition von Ihnen erfreuen könnte, so weiß ich doch, daß sich dem nicht gebieten läßt, und überdies habe ich Sie ohne Composition eben so lieb.
Ihren Flügel müssen Sie sich aber gleich in die neue Wohnung kommen lassen – das Pedal muß nun auch kommen, pr gewöhnlicher geht es doch 14 Tage. Sie berechnen sich auch immer den Gang der Briefe zu kurz, glaube ich. Ich erhalte die Ihrigen immer erst den dritten auch vierten Tag vom Tage der Absendung gerechnet.
Von meinem Ergehen kann ich eben so sehr Gutes nicht sagen, ich habe mich die letzte Zeit garnicht wohl gefühlt, und dann ist es jetzt überhaupt eine schwere Zeit für mich, mir wird erst immer wieder leichter, wenn das Fest und die Feiertage vorüber sind.
Sonst waren mir dies die glücklichsten Tage, ich konnte mich Monate vorher schon freuen auf diese oder jene Ueberraschung, die ich für meinen Robert hatte, und dann sein milder liebevoller Blick, das beglückte mich wieder so lange noch, jetzt aber, wäre es nicht der Kinder halber, ich schlösse mich am liebsten ein an solchen Tagen und weinte mich recht aus. Vielleicht meinen Sie, ich müßte als gute Mutter Entschädigung in der Freude meiner Kinder haben und finden, ach, ich erfreue sie so gern, aber, ich bin keine so hingebende Mutter, als ich meinem Robert Gattin war. So treuem Freunde wie Ihnen darf ich das schon bekennen, Sie schätzen mich darum doch nicht geringer, und wissen ja auch, daß ich sonst für meine Kinder alles gern thue, sie glücklich zu machen.
Meine letzten Concerte sind glücklich abgelaufen, und spielte ich leider die Eroica Variationen den Donnerstag recht unglücklich, so am Sonnabend im Quartett Robert’s Dmoll Trio um so glücklicher, ich glaube so gut wie nie, und, was Sie freuen wird, daran waren auch Sie schuld, wieso, das erzähle ich Ihnen mal später. Sie wissen, ich wollte erst das Gmoll von Brahms spielen, doch beim Durchspielen mit David u Jo. geberdete sich dieser so gleichgültig, daß ich gleich einsah, hier geschehe dem Componisten kein Gutes durch Aufführung seines Werkes. Dazu kommt, daß die Ausübenden gerade diesem Werke mit besonderer Liebe entgegenkommen müssen, denn bei vielen wunderschönen, enthält es doch manches Harte und manches, mehr gemacht als empfunden.
Unsereins nimmt das begütigend mit hin, und erfreut sich doppelt an dem Schönen, David ist aber so einer, der sich ordentlich mit Lust an die weniger guten Stellen hängt und das andere überhört. Dieses aber unter uns, überhaupt wohl alle vertraulichen Mitteilungen, nicht wahr?
Ich hörte neulich Roberts Messe bei Freges, bei der Alle mit Begeisterung waren. Mich freute es natürlich sehr, ich fand auch Vieles wundervoll klingend, und doch konnte ich mich nicht betrügen über den eigentlichen musikalischen Werth, so gern ich es gemocht.
Stockhausen will Sie zu einem Concerte in der Kirche im Frühjahr in Leipzig auffordern, das thun Sie doch? – Dann hofft er noch einige am Rhein damit zu verbinden. Mit dem Faust im Januar verhält es sich so; er studiert die Chöre ein, Joachim hat keinen Gesangsverein sondern Scholz, und der giebt diese Mühe wohl gern ab, und Joachim dirigiert das das Ganze.
Es soll eine Musteraufführung werden, die kleinsten Parthien durch die ersten Sänger vom Theater besetzt. – überlegen Sie sich, ob Sie da nicht hin könnten und von dort aus gleich mit Stockhausen einige Kirchenconcerte veranstalten? Da ist es aber wohl noch zu kalt? nun dann aber hören Sie doch den Faust! ich glaube Rieter will auch hin, vielleicht gehen Sie mit ihm? – Leider bin ich wahrscheinlich in Paris und kann ihn also nicht hören.
Hier in Berlin bin ich nun wohl zum letzten Male, und habe daher furchtbar zu thun, denn was möglich, bringe ich schon jetzt in Ordnung. Sonderbar, nichts ist doch hier, was mir Berlin lieb gemacht hätte, und doch scheide ich nicht ohne Gefühl von Wehmuth. Wäre ich länger hier geblieben, so hätte ich◊2 doch allererst zu Ihnen gesagt und Sie [sic] tüchtig zugeredet herzukommen aber schon am 27ten gehe ich wieder zu einem Concerte nach Dresden komme zum Sylvester wieder hierher, reise aber am 2ten Januar nach Holland ab. Gott gebe, daß ich Alles was ich für Januar vorhabe so glücklich bestehe, wie bis jetzt, es sind der Anstrengungen sehr große.
Herrn Rieter habe ich einige Kleinigkeiten für Sie mitgegeben, ich zog diese sichere Gelegenheit der Post vor, denn diese ist um die Weihnachtszeit so unregelmäßig, daß Sie höchstwahrscheinlich vor oder nach Weihnachten aber nicht am Tage selbst dieselben erhalten hätten.
Die Bilder von Freitag müßte man besitzen, äußerten Sie mal, daher legte ich sie bei und die Mappe wird Sie, denke ich, auf Ihre kleinen Reisen begleiten, ohne Sie zu belästigen. Sie äußerten neulich, die Ihrige sei zu groß immer mit zu nehmen, so macht Ihnen dieselbe vielleicht eine kleine Freude[,] möchte Sie am öftesten dienen für mich!
Sie sehen, ohne Egoismus bin ich nicht! Mein Weihnachtsgeschenk das Octett bitte ich mir aber aus, das schicken Sie mir mit den sieben Sachen im Frühjahr nach Baden. Es macht mir doch anders Freude wenn ich es von Ihnen habe, als von Senff!!! also, mein’s gebe ich zurück, und, vielleicht sagen Sie mir, was ich anderes dafür à 4 Mark nehmen kann.
Das Fmoll Quartett habe ich mir auch gekauft und sehe es mir manchmal an, der Vergangenheit und Zukunft denkend, auch das Bdur, das wir doch vielleicht noch einige Male versuchen, nahm ich dazu. Spielen Sie doch recht wenig 4händig mit Ihren Schülerinnen, damit Sie es nachher um so lieber mit mir thun.
Schreiben Sie mir recht bald wieder38 und ja auch, ob Sie wieder ganz wohl sind? machen Sie, daß Sie aus dem kalten Logis kommen, es wird Ihnen nach so kurzer Zeit nicht schwer werden, dasselbe zu verlassen. Sie sind ja noch in keiner Weise warm darin geworden. Meine Adr. ist bis 2 Jan. hier „Schöneberger Ufer 22[“] ich adressiere diese Zeilen nach Winterthur, und nun mein Lieber, seien Sie so wenig traurig als möglich, denken Sie meiner, die im Geiste bei Ihnen ist.
Ihre Clara.





  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Winterthur
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
157-163

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 2, S. 1–10, Nr. 30.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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