25.02.2022

Briefe



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ID: 20697
Geschrieben am: Freitag 26.12.1862 bis: 28.12.1862
 

Berlin d. 26. Decbr 1862. abends.
Mein lieber Freund.
Was soll ich nun thun, danken oder zanken? ich denke beides, denn Freude und Bekümmernis haben Sie mir bereitet mit Ihrem Geschenk. Wie wundervoll sind die Ansichten, welch liebe Erinnerungen! Aber welche Ausgabe haben Sie sich gemacht! Hätten Sie mir nur ein Blatt geschenkt, mit ungetrübtem Genusse könnte ich es betrachten, als jetzt diese Vielen. Sie schrieben mir neulich so wahr. – „Die hätten es leicht Einem Freude zu machen, die man lieb hätte, da brauche es wenig[“] – Sie handelten nicht darnach, wohl aber ich, mit meiner geringen Gabe. vertraute ganz dem Freunde, der liebevoll auch das Kleinste aufnehmen würde.
Der Weihnachtsabend verging uns recht still, die Kleinen waren wohl vergnügt mit ihren Sachen aber die Mädchen, Marie namentlich, fühlte es doch mit mir, wie das geliebte Haupt fehlt. Mein Herz ist mir an solchen Tagen wie zum zerspringen, und doch habe ich’s dieses mal leichter getragen, weil ich wußte, da sei mir wenn auch fern ein Freund, der liebend an mich denkt und das tiefste Leid mit mir empfindet. – Ach, das thut so wohl, giebt dem schwer geprüftem Herzen Trost, mehr, als ob auch die ganze Welt einem, was man so sagt – lieb hätte. –
Wie Sie den Abend verlebt erfahre ich wohl bald[,] mich verlangt recht darnach. –
Ich rüste mich jetzt schon wieder zur Reise Sonntag muß ich nach Dresden, Sylvester und Neujahr bin ich wieder hier, dann gehts nach Hannover und Holland, den 16.ten Amsterdam, den 17t. Utrecht, die Zwischenzeit werde ich wohl in Düsseldorf zubringen. Die Existenz im Hôtel wird mir auf die Länge immer unerträglicher, ich fühle mich da so unbehaglich und schrecklich einsam.
Frau Riggenbach habe ich neulich zum Feste die neue kleine reizende Ausgabe von Frauenliebe geschickt, ich wollte sie so gern mit Etwas erfreuen, und hoffe es ist mir gelungen. Ich muß so oft der vielen schönen Stunden gedenken, die ich Riggenbachs Freundlichkeit zu danken habe; und gern denke ich mir immer diese, nicht andere Motive, mögen sie auch vorhanden sein. Mein Kopf schmerzt mich heute so, daß ich abbrechen muß, und Ihnen Gute Nacht sagen. ich [sic] thue es mit innigstem Händedruck – schließlich siegt dann doch der Dank über den Zank und ich besehe mir gleich noch mal die schönen Bilder vor dem Schlafengehen, – aber nicht wahr, mein geliebter Freund, solch großes Geschenk machen Sie mir nie mehr! –
Wenn ich an solchen Tagen nur immer einen recht lieben Brief habe, das ist mir das schönste Geschenk.
Ihre Clara
Dresden. Sonntag Abend d. 28. Decbr.
Erst jetzt, wieder zu einer späten Stunde, komme ich dazu weiter zu schreiben, in Berlin war es geradezu unmöglich, ich hatte so zu thun, daß ich Abends wie todt war. Unterdeß ist mir nun gestern noch Ihr lieber, lieber Brief gekommen, tausend Dank dafür!
Wie freut es mich, daß Ihnen mein kleines Geschenk Freude gemacht. Ich hatte eigentlich schon lange ein viel Besseres für Sie im Sinne, doch das müssen Sie sich selbst in Baden holen. Es war nicht möglich Ihnen jetzt es zu schicken – hätte Sie so gern damit recht innerlich erwärmt! –
Sie armer Freund, daß Sie so schrecklich frieren, thut mir recht weh, wie oft habe ich daran gedacht jetzt und hätte ich Ihnen beinah meinen alten kleinen Teppich, den ich immer unter dem Clavier liegen habe, geschickt, aber Ihre Nachricht von Stockhausen’s Pedal hat mich so erschreckt, daß ich gleich den Gedanken verwarf, denn am Ende hätten Sie dafür noch Steuer zu zahlen, und könnten dann wirklich sagen: Gott behüte mich vor meinen Freunden etc zu denen will ich aber nicht gehören. Daß aber das Pedal Steuer kostet, ist nicht in der Ordnung, denn es ist ja gebraucht, recht unvorsichtig ist es von Stockhausen, daß er nicht die nöthigen Schritte dafür gethan und bin ich ihm recht böse. Ich begreife gar nicht, wie er daran nicht denken konnte, wußte er doch, welche Mühe sein Bruder gehabt, das Pedal nach dem Elsaß zollfrei zu bringen. Nun, ich hoffe, er macht seinen Fehler wieder gut, und, vor allem, daß es Ihnen wirklich Freude macht u schafft. Ich glaube, man muß sich erst daran gewöhnen, es ist etwas unbequem mit den Füßen, man rutscht leicht von den Tasten ab, wenigstens klagte der Franz Stockhausen sehr darüber.
Denken Sie, von Joachim bekam ich die sieben Raben geschickt! ich will ihm nun schreiben, daß ich sie mir gegen einiges Andere umtausche – Sie bewahren sie mir doch recht sorgfältig, daß kein Staub und keine Falte hineinkommt. Wegen der Ansichten möchte ich wirklich nach Ihrem Brief noch ’mal zanken, rennt da in die erste beste Kunsthandlung und kauft darauf los, nur, um etwas zu schicken! Liebster, Sie kennen doch Ihre ökonomische Freundin, dachten Sie denn gar nicht an mein Bekümmerniß über solche Ausgaben? nun, geschehen ist es einmal und nun denke ich schon über einen hübschen Platz zum Aufhängen; ich freue mich schon, wenn das alles hängt, überall Liebeszeichen von Ihnen – die Besten trage ich freilich in mir – die sind auch nur für mich. Trotz der späten Stunde werde ich immerfort gestört durch sprechen, laufen – Sie wissen der Vater kommt immer spät nach Haus – ich wohne nämlich beim Vater. Ich möchte Ihnen gern noch vieles schreiben, aber ich kann nicht, der Kopf dröhnt mir förmlich am Abend von alledem, was der Tag über mich ausströmt. Ich habe manchmal recht Angst, daß ich es nur aushalte! –
Meine Adressen sind nun folgende – den 3ten u 4 – in Hannover Hôtel Royal, den 7ten Haag, Musikdirektor Verhulst – dann Düsseldorf, vorher noch Herrn Musikdirektor B Tours. den 8. Rotterdam Adr. – Berechnen Sie nur ja immer die Reisezeit, drei Tage! am besten ist’s, Sie schrieben mir bis 3t Hannover, oder können Sie das nicht dann nach dem 8ten nach Düsseldorf, wo ich meiner Freundin genaue Anweisung gebe, wohin sie mir Ihren Brief zu schicken hat, um daß er mich sicher trifft. Und nun soll ich Ihnen noch meine guten Wünsche für Sie sagen? ach möchte doch das neue Jahr Ihnen nur Freudiges bringen, möchte der böse Geist, der Trübsinn doch ganz fort bleiben! Muth, mein theurer Freund, es wird gewiß Alles besser. Ich denke immer und immer daran wie man Ihnen ein glückliches Leben und Wirken bereiten könnte, gelänge mir das, größere Freude könnte mir wohl kaum werden.
Behalten Sie mich recht lieb – ich denke Sylvester erhalten Sie diese Zeilen, im Geiste begleite ich Sie in’s neue Jahr hinein.
Getreuest
Ihre Clara.




  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Berlin / Dresden
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Zürich
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
164-168

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 2, S. 11–18, Nr. 31 und 32.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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