25.02.2022

Briefe



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ID: 20699
Geschrieben am: Montag 05.01.1863 bis: 07.01.1863
 

Hannover d. 5 Jan. 1863
Was kann Einem wohl am Neujahrs-Morgen Lieberes kommen, als von Einem, den man recht lieb hat, solch innigen Gruß, wie er mir von Ihnen kam.
Still und wehmüthig hatte ich das neue Jahr angetreten, blieb nicht auf aber wach in meinem Bette, da zog denn das ganze vergangene Jahr und manches Andere an meiner Seele vorüber. Es brachte mir in unmittelbarer Folge Leid u Freude – könnte man doch das Gute recht festhalten. Ach ja, mein lieber guter Freund, wir wollen recht treu aneinander halten, es ist ja nichts, was das Leben so reich macht, Herz u Geist so stärkt, als eine treue Freundschaft; die zu einer unversiegbaren Quelle wird, aus der man immer neuen Lebensmuth schöpft.
Ich hätte Ihnen so gern noch am Neujahrstage gedankt, aber was kommt an solchem Tage nicht Alles an eine Hausfrau! wie viele gute Wünsche muß man sich da noch erst erkaufen! nun, ich habe sie alle gern bezahlt, und wissen Sie, wer am besten weggekommen? – ich glaube Sie errathen es! – Wie fühlt man doch an solchen Tagen die Trennung von geliebten Menschen doppelt schwer. Ein froher dankender Blick sagt ja mehr, als Seiten lange Briefe. Daß ich Ihnen aber bis heute gar nichts sagen konnte, war mir schwer, wie ich jetzt abgehetzt bin, so gar nicht erquicklich daran zu denken.
Heute habe ich mir aber eine halbe Stunde für mich gestohlen für Sie. Ich habe mir diesen Morgen das f moll Quartette vorspielen lassen, das war herrlich. Sie können denken, wie sehr ich dabei Ihrer gedachte und mich fast beneidete um den Genuß, weil Sie ihn nicht haben konnten.
Es wurde auch Brahms neues Quintett probiert, was uns natürlich sehr interessierte, mich jedoch nicht so entzückte, wie ich’s mir nach dem Durchlesen am Clavier gedacht. Es wird oft so orchestral, daß die paar Instrumente bei weitem nicht ausreichen, und das gerade z. B. gleich bei dem Hauptmotiv des ersten Satzes. Hingegen sind auch wieder wunderschöne Klänge darin und die Durchführung in allen Sätzen meisterhaft, entzückend namentlich im ersten Satze. Schroffe Stellen sind aber auch darin, die Einem [sic] unangenehm berühren, doch solche giebt er selten oder nie auf, was mich oft genug betrübt hat. Ich habe gestern auch bei Hofe mit Joachim gespielt, das war mir eine lang entbehrte Freude. Roberts D moll Sonate wollte ich schon, daß Sie sie gehört hätten.
Wenn ich aber so ein Hofconcert mitgemacht habe, dann begreife ich es immer nicht, daß Joachim so lange ausgehalten hat, denn bei aller Liebenswürdigkeit die übrigens sehr den Werth dadurch daß sie jedem wiederfährt, verliert, was muß er immer mit anhören von dummen Urteilen, die er kaum, oder nur sehr höflich gebückt wiederlegen darf, dann, welch unnatürliches Ceremoniel! – Es kommt eben Besuch, ich muß Sie jetzt verlassen; schließen mag ich aber meinen Brief noch nicht, obgleich ich jetzt keine Idee habe, wann ich in Holland, wohin ich in einer Stunde reise, schreiben werde können. Adieu für jetzt, Lieber.
Rotterdam, den 7.ten
Sollte man es wohl glauben, daß man einen angefangenen Brief vier Tage mit herumschleppt und nicht fertig bringen kann! Diese Art zu reisen, wie ich jetzt, ist entsetzlich! Da fühle ich es recht, daß ich älter geworden, daß mir die nöthige innere und äußere Elasticität oft fehlt.
Es kommt mir so unwürdig vor das Herumziehen, und spiele ich am Ende bessere Sachen als die gewöhnlichen herumfahrenden Künstler, so bekommt man oft gegen diese, spielt man sie oft, eine momentane Gleichgültigkeit, die mich schmerzt. Es kommt mir wie ein Unrecht an der Kunst und an sich selbst vor. Ich habe mir auch vorgenommen, ich will dies unstäte Virtuosentreiben sehr bald aufgeben, ich bin mir zu gut dazu. Sie erschrecken gewiß vor meinem Stolze, ja wahrlich, den habe ich in der Kunst, und so lange ich diese und mich nicht verliere, wird es dauern. Ich will mir eine größere Stadt aussuchen, wo ich im Winter lebe, es ist nur so schwer eine solche zu finden, die mir genug Hülfsquellen zum Verdienst bietet. Ich war diese Tage so unglücklich in mir, wie ich’s nicht beschreiben konnte! Dann ist’s doch gar zu betrübt, wie schlecht überall Musik gemacht wird! Da habe ich vorgestern in Haag die Esdur, gestern hier die C dur Simphonie von Robert gehört, aber wie mangelhaft doch! im Haag unter Verhulst war es noch besser, hier aber die Simphonie mit einer kurzen Probe. An Feinheiten ist da garnicht zu denken, alles nur aus dem gröbsten heraus, und welche Art zu dirigieren haben die Menschen! Der Körper windet sich dabei immer wie in unaufhörlichen Convulsionen. Ach, solch musicieren macht mir doch gar keine Freude, dazu verlangen die Leute noch immer mein Lob, wie winde ich mich da peinlich, das ganze Stück oft suche ich nach etwas, das gut war, das lobe ich dann. Die dritte Simphonie hatte ich in vielen Jahren nicht gehört – ist doch auch prächtig. Jetzt aber zu einem Geschäft. Ich war von Hannover aus eine Nacht in Düsseldorf, und da bin ich dann bei Klems gewesen wegen des bewußten Flügel. Er hat 2 sehr schöne, einen etwas weicher gehalten, der andere heller, mehr für’s Concert. Ich würde zum Privatgebrauch den weicheren wählen, übrigens ist der Unterschied nicht groß, und dieser eben so gut zum Concert zu gebrauchen. Ich hoffe, der Herr Käufer giebt ihn dann auch mal Unsereinen. Wollen Sie nun, daß ich ihn abgehen lasse? Preis ist 700 Thaler in Franken 2625 fr. Herr Klems will Ihnen für dieses Instrument 20 % geben, um den Fehler von früher wieder gut zu machen.
Ich reise heute nach Düsseldorf und werde dort einige Tage auf den beiden Flügeln üben, um sie recht genau zu prüfen.
Ängstlich bin ich aber doch, wenn er Ihnen nur auch nachher gefällt. Schreiben Sie mir bitte gleich, was geschehen soll? Ich will ein Instrument mitnehmen nach Trier und natürlich erst Ihre Antwort abwarten. Klems frug mich wie viel Procent Sie von den Schweizer Fabrikanten bekämen? – er sagte: er wollte Ihnen gern einige Prozente mehr geben, wenn Sie sich fortan für ihn interessieren wollten. Schreiben Sie mir auch darüber. Dann möchte ich Sie bitten, lassen Sie uns unfrankiert schreiben, man hört so oft von verlorenen Briefen, vermuthlich durch Beamte unterschlagen, die die Freimarken stehlen. Ein von Ihnen verlorener Brief würde mich sehr alterieren.
Es geht mir immer im Kopfe herum, daß Sie so viel nach Winterthur gehen. Sie können so garnicht heimisch in Zürich werden, abgesehen davon, daß Sie Ihre Zeit gänzlich zersplittern und zu keiner innern Ruhe kommen; – Was mich aber wahrhaft betrübt ist, daß es mir so scheint als ob Ihnen Winterthur jetzt, wo Sie es verlassen, lieber ist, Sie wohl gar Heimweh dorthin haben? – Es geht so oft im Leben so, daß man etwas lieb gewinnt in dem Moment, wo man es verliert. Ach ich hoffe so sehnlich für Sie, daß Sie nach Deutschland kommen! Warum kann nun Unsereins nicht reich sein – einem lieben Freunde zu helfen, welche Wonne müßte das sein. Wie geht es denn mit Ihrem Singkränzchen? Halten Sie es regelmäßig? Welchen Tag? – Sollte man Ihnen denn nicht die Musicdirectorstelle für nächsten Winter anbieten? – Da ließen sich denn doch gewiß die Musikzustände in Zürich heben! – Mit dem Pedal sind Sie aber etwas im Irthum [sic], dazu bedürfen Sie keines besonderen Instrumentes, können ganz gut das Ihrige nehmen.
Wäre ich nur in Zürich, ich wollte Ihnen schon mal die ganze Geschichte in Ordnung bringen, während Sie in Winterthur. Sie müßten wirklich eine gute Freundin dort haben, die es Ihnen behaglich machte!
Haben Sie denn die 94. Francs wieder? Bitte, lassen Sie dies nicht anstehen, in einer kalten Wohnung holt man sich leicht ein Übel für’s ganze Leben, und da man dann doch einmal leben muß etc. etc. Bitte lassen Sie es nicht hinhängen, es kommen noch kalte Monate.
Verhulst hat mir herzliche Grüße für Sie aufgetragen, er ist sehr munter, und lebt ein recht behaglich Leben. Ich habe die Tage immer denken müssen, hätten Sie doch auch ein reiches Mädchen gefunden, daß Sie lieben konnten, Sie könnten wie Verhulst sorgenfrei der Kunst leben. – Sie lachen mich jetzt aus, nun meinetwegen, so übel wäre es doch nicht. Uebrigens hat Verhulst sich förmlich eingesponnen in seiner Familie – dazu gehört nun auch solch Temperament.
Eben war Levy da, dem es sehr gut hier geht, er arbeitet gehörig. – Was habe ich aber von dem gehört! Sie schwärmen so für Fr. Trautmann, daß Sie sogar neulich ein Duo über Norma gespielt? –
Ich sagte ihm, das letztere sei jedenfalls ein falsches Gerücht, er behauptete aber, es aus ganz sicherer Quelle zu wissen. Davon haben Sie mir ja nichts geschrieben? Wäre dies möglich? – es thäte mir leid, wäre es wahr!
Ich muß mich jetzt zur Reise rüsten, heute abend hoffe ich in Düsseldorf Brief von Ihnen zu finden, es kommt mir so lange vor, daß ich keinen hatte!
Meine Adresse bleibt jetzt in Düsseldorf, dort bleibe ich bis d. 15 und kehre am 21.ten dahin zurück. – Nun mein guter Freund, leben Sie wohl. Seien Sie 1000mal gegrüßt von
Ihrer Clara.




  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Hannover / Rotterdam
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Zürich
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
168-173

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 2, S. 19–29, Nr. 33
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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