25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 20700
Geschrieben am: Montag 12.01.1863
 

Düsseldorf den 12 Januar 1863.
Und wieder waren Sie krank, mein lieber Freund! wie mich das ängstigt daß Sie noch immer kein anderes Logis haben! Könnten Sie sich nicht einstweilen im Hotel einmiethen, bis Sie ein anderes Logis gefunden? ach, hätte ich Ihnen doch nimmer zugeredet Winterthur zu verlassen, wenn es nicht nach Deutschland war, ich hätte zu solcher Einrichtung, wie Sie sie gemacht, aber auch nie zugeredet, denn, daß Sie 3 Tage in Winterthur wöchentlich sein müssen oder würden, hatte ich nie gedacht, das ist ja eine entsetzlich ungemüthliche Sache! und wie lange wollen Sie dieses noch durchführen? Bitte, gehen Sie aus dem Logis, wenn Sie nun auch wirklich einen Monat im Hotel (es muß ja nicht Hôtel Bauer sein) wohnen, so kostet Ihnen das nicht mehr, aber Ihr jetziges Wohnen, wenn Sie berechnen, was Sie durch Erkältungen an Stunden verlieren.
Vielleicht suchen Sie auch nicht lange nach Logis, wenn Sie es wirklich thun. Könnten Sie nicht mal ein Gesuch in’s Blatt setzen? – wie mir das leid thut und mich beunruhigt. – Ich schreibe deshalb auch so bald wieder, daß Sie doch ja dazu thun und auch, daß Sie bald wissen, daß ich Ihren Brief gestern gleich, nachdem meiner an Sie fort war, erhielt. Ab-schicken will ich aber doch das Instrument noch nicht, weil ich erst wissen muß, ob der Preis conveniert und eben die Hauptsache, wohin? an wem? das müssen Sie ja recht genau schreiben. Ich habe eine wahre Angst den Flügel abzuschicken, denn, ist er auch gut so ist er doch nicht so schön, wie ich es für mich verlangen würde, oder für Sie, sollten Sie ihn haben.
Ich denke aber natürlich doch, Sie werden viel darauf spielen und möchte mindestens, daß er Sie recht anmuthete im Klange, damit Sie recht mit Lust darauf phantasieren. – (Soll das Instrument per Eilfracht oder gewöhnliche Fracht geschickt werden? auf letztere Art geht es wohl 14 Tage, per Eilfracht wohl nur 4–5 Tage, aber noch mal so theuer. –
Ich bin sehr verstimmt! Denken Sie, ich hatte mit einer wahren Herzensfreude die Lieder meines Roberts, die Sie noch nicht hatten, gesammelt, hatte eine kindische Freude bei jedem Heft, das von da oder dort einlief (von den Verlegern) wollte Sie dann im Frühjahr um die bitten, die Sie haben und sie Ihnen binden lassen, daß Sie sie in Baden finden, und nun macht mir der Rieter die ganze Freude zu nichte; es fehlte mir nur noch ein Heft von Simrock, dann war die Sache vollständig, und ich hätte Ihnen doch eine wirkliche Freude gemacht. Ich wollte es eigentlich schon zu Weihnachten, aber es war bis dahin unmöglich weil ich doch erst schrei ben mußte, und dann sandten sie auch nicht Alle pünktlich gleich. Und die Freude muß mir noch dazu Einer nehmen, der es Ihnen geschenkt wie jeder Andere, während ich es mit Wonne gethan hätte. Ich bin so betrübt – mag mein Paket, ich hatte es schon so hübsch geordnet und meiner Elise beim Umzug ganz besonders auf die Seele gebunden – gar nicht wieder ansehen. – Sie lachen mich vielleicht (wieder) aus, daß ich so kindisch, aber denken Sie doch, wenn man sich Monate lang mit einer Ueberraschung herumgetragen, und dann mit einmal ein Peter daher kommt und ohne jede besondere innere Beziehung veranlaßt, so durch Zufall auf dasselbe fällt. Nun haben Sie sich doch wieder dem David ganz zur Disposition gestellt, was für Zeit wird Ihnen der nehmen und schließlich Sie wieder verstimmen. Wenn er nun wenigstens recht schön spielte, aber sein Spiel ist jetzt ordinär geworden, so recht Bierfiedelartig, oder wiederwärtig utrirt, à la Mocheles. Schön, daß Sie das Sextett durchgespielt – es ist ein wundervolles Werk! – Es thut mir recht sehr leid, daß die darauf folgenden Werke doch keins so durchweg meisterlich und dabei wohlthuend wirken.
Wohl haben Sie damit Recht, daß man unendliche Mühe hat den gewöhnlichen Musikern etwas Neues beizubringen, es ist aber so natürlich, weil sie eben nur Handwerker, die Musik als nothwendiges Uebel betrachten, keine Liebe dafür im Herzen tragen; wo soll da das Verständnis für Werke herkommen, die der reine Erguß innersten Seelenlebens sind! –
Ach, das hat mich ja auch neulich in Holland wieder so betrübt, wie die Leute die Musik so herunterwütern möglichst schnell, damit es feurig klinge, als ob’s darin bestünde. – Wie Vieles höre ich in so einem Winter, wie wenig, was mich wahrhaft erquickt. Neulich das Fmoll Quartett, das war mal ein Genuß! vielleicht bleibt es der einzige ungetrübte in diesem Winter. Hätten Sie, mein Lieber, es doch gehört. Donnerstag muß ich noch einmal nach Holland, ich gäbe was darum, müßte ich es nicht, aber da ist immer wieder die Pflicht. – wie schwer doch oft! – Adresse hier Frau Leser schickt mir pünktlich Alles nach, und am 21. (am 28 spiele ich gerade mit Ihnen zusammen in Mannheim?[)] – bin ich hoffentlich wieder hier und finde dann Brief? was nachher, weiß ich noch nicht.
Schließlich muß ich doch noch mal auf die Lieder kommen. Können Sie sie nicht umtauschen gegen ein anderes Werk? ich bin doch gar zu betrübt, möchte so gar gerne daß Sie gerade die von mir hätten, mag mich meinen besonderen Vorrechtes dazu nicht gutwillig begeben.
Adieu, mein theurer Freund. Innigsten Gruß von Ihrer Clara
Fr. Leser dankt erwiedernd Ihren freundlichen Gruß.



  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Kirchner, Theodor (821)
  Empfangsort: Zürich
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 10
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Theodor Kirchner, Alfred Volkland und anderen Korrespondenten in der Schweiz / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Dohr / Erschienen: 2022
ISBN: 978-3-86846-021-6
174-177

  Standort/Quelle:*) Autograph verschollen. Abschrift in A-Wgm: Bibliothek Renate und Kurt Hofmann, Briefe von Clara Schumann an Theodor Kirchner, 1. Kopie (Reinhardt), Bd. 2, S. 30–35, Nr. 35.
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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